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menschen treffend : kurt *


Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Kurt Tucholsky

Es war eines der angesagtesten Lokale der Stadt. Und da es nicht viele Plätze hatte, war es über Wochen ausgebucht. Kurt arbeitete seit drei Monaten im „L’éventuelle“. Gute Arbeitszeiten, nette Kollegen, okaye Bezahlung, viel Trinkgeld. Kurts Chef achtete auf ein ordentliches Erscheinungsbild, dass nichts das Ambiente des „L’éventuelle“ störe, damit sich alle wohl fühlen konnten, ausnahmslos. Prominente und Politiker gingen ein und aus, für sie gab es auch immer spontan einen Tisch. Vom Glamour oder der Macht, die sie ausstrahlen, lebte der Ruf des „L’éventuelle“ natürlich auch. Kurts Chef war es gleichzeitig aber auch wichtig, alle gleich zu behandeln. Wichtig fürs Geschäft. Sogenannte normale Kunden und Kundinnen, die sich ein Dinner hier leisten konnten, und sogenannte besondere Gäste. Das ging soweit, dass auch der Immobilienunternehmer, dem Betrug in Millionenhöhe vorgeworfen worden war, oder der chauvinistische rechte Ex-Politiker, der sich vor Gericht wegen sexueller Übergriffe verantworten hatte müssen, hofiert wurden. Man könne es sich nicht leisten, Gäste abzulehnen, aus welchen Gründen auch immer, mögen sie sympathiegetrieben, ideologisch oder idealistisch sein, hatte Kurts Chef als Maxime ausgerufen. Gast sei König und Kunde sei Kunde, solange er zahle, und Mensch sei Mensch. Es sei egal, ob dieser Mensch sich sonst bekanntlich schlecht verhalte oder sogar anderen Menschen das Menschsein abspreche. Als er im „L’éventuelle“ zu arbeiten begonnen hatte, hatte Kurt das auch noch so gesehen. Kurt hatte sich von der guten Stimmung und dem Anspruch, alle willkommen zu heißen, anstecken lassen. Man müsse den Menschen sehen und dass man sich letztlich im respektvollen Bemühen treffen werde, dass es der Gesellschaft gut gehen solle, hatte Kurts Chef gemeint.  Das galt demnach auch für die Vertreter autoritärer, rechter Politik, die sich das Lokal mehr und mehr zum beliebten Treffpunkt auserkoren.  Also was war mit jenen, die es mit ihrer Agenda auf die Zerstörung einer freien, toleranten, demokratischen Gesellschaft abgesehen haben? Es gibt Grenzen, dachtesich Kurt, gerade zu jenen, die so gerne selbst auf Grenzen beharren.

An einem Abend betrat einer der bekanntesten Politiker einer rechtsextremen Partei das „L’éventuelle“. Ausgerechnet Kurt musste dessen Tisch betreuen. Seine Abneigung ließ sich Kurt zuerst nicht anmerken. Kurt versuchte, freundlich und höflich zu sein. Das Lächeln saß schief, war aber im Ansatz erkennbar. Der Politiker, nennen wir ihn Hermann, streckte sogar seine Hand nach Kurt aus … nicht so, wie man gleich assoziieren würde, sondern um zu grüßen und sich als Hermann, ganz volksnah, vorzustellen, was aber ja eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, weil seine aufdringliche Dauerpräsenz als aggressive Schimpfkanone auf allen Kanälen sowieso sicherstellte, dass ihn alle kannten, ihn zumindest nicht übersehen und nur schwer ignorieren konnten. Ein Scheusal. Die Hand zu schütteln, brachte Kurt weder übers Herz noch über sein Hirn. Kurt wand sich aus der Situation, indem er ihm die Speisekarte in die Hand drückte. Bier wurde bestellt und ein Apfelsaft für das größte Scheusal am Tisch. Kurt hoffte darauf, dass die Runde in Folge Suppe bestellen würde und malte sich aus, wie er Hermann und seiner Gefolgschaft in diese spucken und ihnen dann beim genüsslichen Verzehr zusehen würde. Aber das wäre zu feig. Eine Essensbestellung planten sie anscheinend ohnehin nicht. 

Kurt beobachtete die Runde. Rein oberflächlich konnte man nicht vermuten, de facto eine Gruppe Faschisten vor sich zu haben. Den strengen Scheitel trug nur einer, einer trug gar kein Haar und die anderen hatten langweilige, praktische Haarschnitte. Keine Trachtenkleidung, bunte Farben, keine Gemeinsamkeiten, außer man bezeichnet Funktionskleidung als Uniform. Eine Runde an Männern von schlechtem Geschmack. Aber wie sehen moderne Faschisten schon aus? Wie erkennt man sie, unabhängig von ihren Worten und Taten? 

Kurt erdachte, dass er auch einfach versehentlich stolpern könnte und er dabei einen Teller mit Bratensoße über dem Kopf von Hermann verteilen könne. Das Bild sah er schon vor seinen Augen.  Eine zweite Runde Bier wurde bestellt und das Kuvert aus Brot und Aufstrichen zerpflückt, ohne dass jemand vollgeschüttet wurde. Die Stimmung wurde ausgelassener und die Stimmen lauter und unangenehmer. Die Themen waren sicher auch abstoßend, gingen aber in der Geräuschkulisse unter. Kurt hielt größtmöglichen Abstand, zumindest soweit es ihm in seiner Rolle möglich war. Er ging zum Tisch, vermerkte die Bestellungen, war aber nicht mehr darum bemüht, freundlich zu sein, höchstens neutral, brachte die dritte Runde Bier und einen gespritzten Apfelsaft für Hermann. 

Kurt war gerade im Begriff, das Glas abzustellen, da ergriff Hermann Kurts Hand, einfach so, die Kurt unverzüglich wegzog. Im nächsten Augenblick griff Kurt nach Hermanns Sakkokragen, zog ihn an sich ran und … es war eine Kurzschlussreaktion. Kurts Zunge fuhr quer über das kleine Faschistengesicht und schleckte dabei Wange, Nase, Auge und Stirn ab. Ein Speichelfaden blieb im graubraunen Haar des Faschisten hängen. Tatsächlich vollkommen geschmacklos, bildete sich Kurt ein, er dachte, rein gar nichts zu schmecken. Nach einem Moment war da aber ein Anzeichen von Salz, ein wenig Süße und eine Erdnote. Interessant. 

Das kam überraschend. Der Tisch war in heller Aufregung und versuchte, einerseits Kurt von Hermann und andererseits Hermann von Kurt weg zu zerren. Aber je mehr man an Kurt zog, desto mehr baute sich Kurts Stärke auf. Die Beschimpfungen, die der Faschistenklub brüllte, feuerten Kurt nur noch mehr an. Kurt ging folglich richtig auf den Faschisten los, stürzte sich auf ihn und brachte ihn zu Fall. Kurt hatte sich so positioniert, dass er, auf der Brust des Faschisten sitzend, dessen Hände nach unten drücken konnte. Gleichzeitig konnten jedoch die zappelnden Faschistenbeine ihn nicht berühren. Ein wippender Faschistenkörper, überraschend schwächlich und hilflos. Eine traurige Erscheinung. Kurt blickte ihm kurz in die Augen und leckte dann, auf ihm sitzend, stetig weiter über Gesicht und Hals des Faschisten. Dabei sammelte er immer zuerst ein wenig Spucke in seinem Mund, um besser über das glattrasierte Gesicht des Faschisten gleiten zu können. Wie ein wildgewordener Hund, der sich aber soweit im Griff hat, nicht zu beißen.  Alles furchtbar schleimig. Niemand konnte ihn aufhalten. Kurt hatte völlig freies Spiel. Die Herren rund um Hermann sahen dem Szenario völlig perplex zu, verängstigt mit Kurts irrationalemVerhalten konfrontiert, offensichtlich unfähig einzuschreiten. Sie brüllten weiter unverständliches. 

Ob es der Schweiß der Anstrengung oder Tränen waren, die das Gesicht des Faschisten mit jedem Leckvorgang salziger erscheinen ließen, konnte Kurt nicht so genau sagen. Die Würzung konnte natürlich auch von ihm stammen, von seiner müden Zunge. Kurz schmeckte weiters einen Erdton, der auch einen schokoladigen oder kaffeeartigen Anteil hatte. Ein brauner Geschmack konnte man sagen. Dieser verkehrte sich jedoch immer mehr in einen unglaublich dreckigen Geschmack. Kann man nicht anders beschreiben. Dreck. Mist. Gülle. Kurt musste würgen. Ein durch und durch ekelerregender Geschmack machte sich in seinem Rachen breit. Kurt wusste, dass er nur noch einmal kräftig an Hermann lecken musste und … Kurt erbrach sich über das Gesicht des kleinen Faschisten. Ein gelblich-roter Strahl ergoss sich über Haut und Haar, in Konsistenz eine Mischung aus Gries-Brei und Fencheltee, roch auch so, mit kleinen Stücken, die wohl zerkleinerte Erdnüsse waren. 

Durch das „L’éventuelle“ ging ein Raunen, ein Stöhnen und ein Chor aus Würggeräuschen. Am lautesten war das krampfhafte Würgen Hermanns, das aufgrund des klebenden Erbrochenen auf seinem Gesicht auch ein leises Gurgeln mit sich brachte. Die Umstehenden beobachteten gespannt, was passieren würde. Es war vorhersehbar, aber interessant war die Frage der Zeit. Wie lange würde es dauern, bis … Die Stimmung war ähnlich konzentriert wie bei einem Sportereignis, nur ohne Wetten. Der Körper des Faschisten bebte, wellenartig ging ein Schauer durch seinen Oberkörper und in seiner Mitte regte sich auch etwas. Ekelhaft. Kurt war schon aufgesprungen, hatte von ihm abgelassen und war auf Distanz gegangen, damit er nicht von der Faschistenkotze getroffen werden konnte, die immer noch auf sich warten ließ. Der Faschist schluckte und gurgelte, aus seiner Kehle kam ein gepresstes Bellen. Keiner hatte den Mut ihn anzugreifen, aus Angst in der Magenflüssigkeit auszurutschen oder sich zu beschmutzen. Der kleine Faschist Hermann war also auf sich allein gestellt und wand sich weiter im Versuch aufzukommen. Wie konnte er das nur solange zurückhalten? Kurt hatte sich schon umgedreht und war langsam und mit einem Lächeln im Gesicht zum Ausgang des Lokals gegangen. Als Kurt die Tür aufstieß, hörte er, wie Hermann sich erbrach. Und folgend ein unangenehmes Konzert an Kotzgeräuschen und eine auf den Boden plätschernde Vielfalt an Flüssigkeiten. Alles war außer Kontrolle geraten. Diese Speiborgie vernahm Kurt in seinem Rücken, angeführt von Hermann dem kleinen Faschisten, der den Takt der Schwalle angab. Kurt trat auf die Straße und entfernte sich. Das gesamte „L’éventuelle“ – und mit ihm alle Gäste – war danach, wie man in der Zeitung lesen konnte, stundenlang außer Gefecht gesetzt. Kurt hatte an diesem Abend zwar seinen Job verloren, den Kampf gegen den Faschismus und jene, die ihn leichtgläubig relativieren, eindeutig gewonnen. 

*„menschen treffend“ ist eine Reihe, die bis August 2025 in der Zeitung kaz. erschienen ist > Täglich begegnet man Menschen, und sie sagen einem nichts. Die Kommunikation wird nicht aufgenommen, man lebt aneinander vorbei. In der Reihe „menschen treffend“ versucht Martin Dueller jeden Monat zwischen Fact und Fiction eine Begegnung wiederzugeben, wie auch immer.

September 4, 2025

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