Am Abend werden dann alle wieder still sein. Also mitspielen. Es werden Reden gehalten werden, Hände werden geschüttelt und es wird Umarmungen geben. Es wird sich gegenseitig zugenickt und zugelächelt werden. Man wird sich gegenseitig danken. Danach gibt es Sekt, unverbindliche Gespräche. Viele werden früher gehen und manche werden zu lange bleiben. Eigentlich alles wie immer. Wie erwartbar.
Alle sind sie gekommen, zur Eröffnung, zur großen Eröffnung dieses großen Festivals. Dieses weit über die Grenzen hinaus leuchtenden Festivals, dieses nicht zu übersehenden Festivals.
Alle sind der Einladung gefolgt, am Pfad durch die Stadt, den man nicht versäumen kann, denn, wie man anerkennend feststellen muss, dieser ist gesäumt von Fahnen des Festivals, Plätze überspannenden Bannern, Roll-ups, Beachflags, in jedem Lokal gibt es Programmhefte des Festival, das alles dafür tut, nicht verfehlt zu werden. Dann gibt es noch diese übermächtige, alles überstrahlende und überragende Projektion.
Hände werden geschüttelt, es gibt Umarmungen, es wird sich gegenseitig zugelächelt und zugenickt. Alles freundlich soweit. Es liegt eine gespannte Stimmung im Raum, unentspannt und gleichzeitig angespannt.
Nicht nur im Team, denn der Saal ist gut gefüllt, aber es müssen noch mehr Stühle herbeigeschafft werden, es läuft und läuft, das Team, eine kleine Armee. Stress, Schweiß, Erwartungsdruck, Getriebenheit. Eine Armee, die stetig hechelt, der Intendantin hinterherhechelt, oder, nein, hinterherlächelt und – zuvor schon – vorlächelt.
Wer in diesem Raum weiß wohl, dass die Intendantin die nächsten Spielzeiten nicht mehr überstehen wird und vielleicht auch gar nicht will, denn schließlich hat sie schon genug verdient, was sie verdient. Trotzdem könnte sie schon bald nicht mehr bestehen, nicht weil sie zurecht überarbeitet ist, sondern vielmehr weil sie es geschafft hat, mittlerweile von so vielen mit anderen Augen gesehen zu werden. Man hat sie ausreichend kennengelernt, aber wenn es nicht nach ihrer Vorstellung geht, lernt man sie auch anders kennen, lernt man sie kennen, bis es soweit kommt, dass man sie nicht mehr kennen will.
Ihr Umgang mit manchen Mitarbeitenden ist bei zuvielen schon bekannt, viele verstörende Einzelbegegnungen werden geteilt, auch hier im Publikum mitunter, sich gegenseitig – noch immer hinter vorgehaltener Hand – erzählt. Der Lärmpegel steigt. Aber das ist alles nichts dagegen, wie laut die Intendantin selbst werden kann, wenn sie will. Wenige, die es mit ihr zu tun bekamen, wurde von ihr noch nicht angeschrien.
Die Intendantin steht, ihre Karten der Ansprache ordnend, überprüfend, ob alles bereit steht, schon bei der Bühne, in Erwartung endlich das Festival, ihr Festival, ihr alles überragendes Festival zu eröffnen, mit breitem Lächeln, energetisch aufgeladen und voll Tatendrang.
Und wird nun zu früh beklatscht, die Intendantin, die das sichtbar wohlwollend annimmt, ein Klatschen in Erwartung und mit Vorschusslorbeeren, wurde und wird sie unangemessen und unpassend beklatscht, ohne dass irgendjemand schon gesehen hätte, wie sie sich präsentiert.
Vereinzeltes Augenrollen und Kopfschütteln ist jetzt schon zu sehen, aber dafür muss man schon genau den Raum und die einzelnen Leute im Publikum scannen. Grundsätzlich spielen ja alle in diesem Raum mit, bei dieser Inszenierung, es gilt ja was zu feiern, auch die Intendantin. Die Intendantin winkt, winkt ab, geht weg. Wieder augenrollendes Kopfschütteln, vielleicht aus der Enttäuschung, die so manche im Raum bereits erfahren mussten. Das Klatschen verebbt. Man sieht das Auseinanderfallen der Abmachung, des zivilisierten Miteinander, wo man sich gegenseitig ins Gesicht spucken möchte, aber trotzdem den Schein wahrt und beste Miene zu jedem Spiel macht, zu dem man eingeladen wird, dem Spiel, das in erster Linie nach den Regeln der Intendatin gespielt wird. Das ist Part of the game. Das wird doch erwartet. Da sollte man nicht ausscheren, wenn man auch weiter zu jenen gehören will, die beachtet, die abgelichtet, die sich selbst als wichtig empfinden wollen.
In der ersten Reihe sitzt der Magistratsangestellte für Tiefbau, daneben der Magistratsangestellte für Liegenschaften, was keine Affäre ist sondern sein Tätigkeitsbereich, den er weitesgehend ausnutzt, auch zum Vorteil der Intendantin. Auch die beiden kennen sich mittlerweile nur zu gut, natürlich tat er stellenweise alles, was in seiner Macht stand, um der Intendantin freie Hand und sämtliche Vorteile zu verschaffen, wie ihm wiederum von der Politik angeordnet wurde. Gut, dass er folgte, denn jetzt sitzt er da, in der ersten Reihe (unweit von der Landesbediensteten, die sich darin verdient gemacht hat, nicht nur in ihrem Namen sondern auch mit ihrem Namen in ihrer Landesemailadresse und der Kirche, rundherum ein Proben- und Veranstaltungsverbot auszusprechen versucht zu haben), es hätte auch die zweite oder letzte sein können. In Reihe 12 sitzt übrigens die Musikerin, die herausragende Festivalmusikern, die etwas versetzt werden musste, weil sie einfach nicht einsehen wollte, dass sie ein Auftrittsverbot akzeptieren sollte. Die ebenfalls noch weiter versetzte Schauspielerin spielt überhaupt keine Rolle mehr, weil die Intendantin es so will.
Der Veranstaltungssaal ist spürbar aufgeladen mit Hass. Mitunter auch auf die Intendantin, in erster Linie aber auf all die Wichtigtuer, die hier sitzen. Letztlich hasst jeder und jede auch sich selbst. Dabei hat die Veranstaltung noch nicht mal richtig begonnen, das Licht ist noch an.
Doch schon im nächsten Moment wird das Licht im Publikum gedimmt, die Türen geschlossen. Hauptsache ein Schein wird gewahrt. Es geht los. Endlich geht es los.
Das kleine Musikensemble gibt neben der Bühne ihre erste Einlage, um diese alles ausstechende Eröffnung zu umrahmen. Das Tuscheln wird tatsächlich eingestellt, weil die Musik alle einnimmt.
Dann richtiger Applaus. Nichts ist erhebender, wenn ernste Musik auch zu unterhalten weiß, oder?
Keine Ahnung, was hier gespielt werden wird, aber es wird zumindest nicht langweilig, denkt man sich im Publikum. Lichtwechsel.
Und nun betritt die Intendantin tatsächlich über den Augen aller die Bühne, tritt ans Mikrofon, fängt an zu sprechen. Doch das Mikrofon überträgt es nicht, ist noch zu leise oder gar nicht eingeschaltet. Der Blick der Intendantin fällt zum Technikpult, in einer Mischung aus Strenge und Vernichtungswille. Aber bloß nicht Abkommen vom netten Schein, denkt sie sich vielleicht, hinter ihrer Fassade. Der Einsatz ist schon verpasst, ihr Einsatz, der – in ihren Augen – zumindest so wichtig ist, wie das Cello, das davor in höchster Präzision zu Geige und Klavier eingestiegen war. Ein kurzes Rauschen, ein kleines Fiepen, dann funktioniert es doch.
Schönen Guten Abend. Ich freue mich sehr, dass ich Sie heute hier begrüßen darf und dass Sie so zahlreich erschienen sind. Für all jene, die noch keinen Sitzplatz haben, hier vorne sind noch einzelne Plätze. Ich fühle mich sehr geehrt Ihnen heute nicht nur unser Programm für dieses Jahr präsentieren zu dürfen sondern auch gleichzeitig das diesjährige Festival eröffnen zu dürfen. Sprechpause. Hier müsste spätestens der Applaus kommen, aufatmen, kommt er auch. Weiter im Programm. Ich darf besonders herzlich die Vertreterinnen der Politik und der Kirchen begrüßen. Hier folgen Namen, Menschen im Publikum stehen auf. Applaus. Hinsetzen. Der Nächste. Alles das wäre nicht möglich ohne unsere Sponsoren. Hier folgt eine Aufzählung, dann die Sprechpause. Applaus. Wie erwartbar.
Dann darf der Bürgermeister sprechen, der nicht nur stolzer Vertreter der Stadt ist, sondern sich auch darin verdient hat, ihr größtmöglichen Raum zuzusprechen. Das, mehr nicht, er wird beklatscht und darf sich setzen, denn nur schwer ist es, diese Bühne zu teilen und jemanden hier zu akzeptieren, der auf der gleichen Augenhöhe sein könnte.
Ach, wieviel Zeit ist bereits vergangen? Dabei gab es noch nichts Inhaltliches. Darauf warten doch alle. Aber das Haar der Intendantin sitzt gut, das Lächeln, das ich, selbst aus der letzten Reihe, als gekünstelt entlarven kann. Man sieht die Anstrengung, die die Intendantin sich abfordert, um ihre Gesichtsmuskeln in großer Anspannung und trotzdem beweglich zu halten. Ihr Blick bleibt stechend, ein lauernder Ausdruck, der von ihrem Eindruck des Publikums erzählt. Der Blick sagt: Nur Idioten, unzählige Amateure, richtige Banausen. Es ist streng genommen ein Blick der Herabwürdigung, geprägt von Zerstörungswille, wenn nicht ihr Wille geschieht. Das kann jede Sekunde kippen. Vorstellbar wäre, dass sie aus ihrer Tasche eine Waffe zieht und auf einzelne Besucherinnen schießt, die langsam einnicken oder auch nur mangelnde Aufmerksamkeit erkennen lassen. Das größte und unerschöpfliche Maß an Hass hat die Intendantin selbst mitgebracht.
Es mag auch die Angst sein, die hier umgeht. Keine Karten zu bekommen, keine guten Plätze, keinen Job im nächsten Jahr für jene Mitarbeitende, die stetig probieren das Klima im Saal zu kalmieren. Hustenden werden sofort Lutschbonbons ausgeteilt, damit sie mit ihren Lautäußerungen nicht den Vortrag der Intendantin stören.
Ich beobachte das, in der letzten Reihe sitzend, mit einer Mischung aus Interesse und Verabscheuung vor diesem panischen Treiben. Ich verachte mich im übrigen natürlich auch selbst dafür, jetzt in diesem Saal zu sitzen, mich doch entschlossen zu haben, dieser Einladung, die persönlich klang aber eine gut verschleierte Massenaussendung war, zu folgen. Dabei merke ich, dass ich gar nicht zuhöre. Wo sind wir im Programm? Ist schon Selbstbeweihräucherung oder noch Nebelgranate? Musikeinsatz, das holt mich ab. Ach, schon vorbei, wie schade. Dabei hätte es doch noch soviel zu sagen gegeben, aber es hat sich niemand getraut.
Man ist am Ende, am Ende der Eröffnung. All jene, die Karten gekauft haben oder die vielen, die ihre Karten geschenkt bekommen haben, geht es nun einen Saal weiter zum großen Eröffnungskonzert. Zum Abschluss soll aber noch ein Lied gesungen werden, gemeinsam. Und – tatsächlich – alle stimmen ein, alle singen mit, der ganze Saal in Disharmonie vereint. Vielstimmig und doch eintönig und aber eigentlich völlig verstimmt.
Dann setzt die Intendantin nochmal ihr Lächeln auf, legt das Mikrofon ab und tritt sichtbar mit voller Absicht der Geigerin gegen das Schienbein. Morgen wird man in der Zeitung lesen: Ein runder Abend, der auch noch für die Zukunft viel verspricht.
Dieser Text ist fiktional.
Ähnlichkeiten zu realen Personen und Geschehnissen bestehen, sind aber absichtlich übertrieben.
