menschen treffend: beate

Auch das kann Karriere sein, wenn man mit Mitte Dreißig einen einfachen Job hat, wichtige Aufgaben und einen mindestens ebenso großen Verantwortungsbereich. Nachdem das mit der Schule nicht so klappen wollte, hatte Manuel sich lange mit kleinen Jobs über Wasser gehalten, Beschäftigungen, die er sich selber gesucht hatte, weil er wirklich ungern zum Arbeitsamt ging. Im Fitnesscenter hatte er dann Georg kennengelernt, der ihm eine Anstellung als Türsteher vermittelte. Lange Nächte mit viel Red Bull, aber wenig Stress und wenn die halbstarken Besoffenen doch mal auf Konfrontation aus waren, hatte er das relativ schnell dank seiner imposanten Erscheinung und seiner gleichzeitig ruhigen Art im Griff. Man schätzte ihn. Der Club, bei dem er arbeitete, musste leider irgendwann zusperren, warum, war ihm nicht ganz klar, eigentlich war es ihm nach drei Jahren an „der Tür“ aber auch egal, weil er mittlerweile eine Freundin, und mit ihr einen schon fast eineinhalb Jahre alten Sohn hatte. Ohnehin ergab sich sofort ein neues Angebot bei einer Sicherheitsfirma. Der Bedarf an Sicherheit war in den letzten Jahren gestiegen, in gewisser Weise auch bei Manuel. Die Sicherheitsfirma garantierte ihm eingeteilte Dienste, geregelte Arbeitszeiten, Anspruch auf Urlaub und vor allem, dass er nicht mehr nur in der Nacht arbeiten musste. Es war abwechslungsreich. Er bewachte Messen und Vergnügungsparks, Auf- und Abbauarbeiten, Eröffnungen und Ausstellungen, war bei privaten Partys wie auch offiziellen Veranstaltungen im Einsatz. Seine Arbeit dürfte er sehr zufriedenstellend verrichtet habe, denn eines Tages bekam er ein noch viel besseres Angebot. Er musste sich unter einer Telefonnummer melden, die ihm dann eine Adresse nannte, zu der er fahren sollte. Es war eine Villa am See. Seitdem in den letzten Jahren sämtliche wertvollen Seegrundstücke privatisiert wurden und es offensichtlich zum guten Ton von unfassbar reichen Leuten gehörte, sich eine Immobilie in allerbester Lage zu gönnen, gab es einfach auch den Bedarf diese Domizile gut zu schützen. Die Besitzer des beeindruckend weitläufigen Grundstücks am See, auf dem eine imposant große Villa stand, vertrauten ihm offensichtlich, das heißt, ihre Assistentin, denn die Besitzer hatte er bisher noch nicht getroffen. Er bekam den Job und ein Diensthandy, und aber keine neue Uniform, denn legeres, gepflegtes Auftreten reichte. 

Um 20 Uhr sperrt das Einkaufszentrum zu, gegen 20.30 ist Beate meist zuhause. Dann noch eine kleine Abendjause, Abwasch, Wäsche aufhängen, etwas fernsehen bis Beate dann schlafen geht. Sie kann ausschlafen, immerhin, seit die Kinder erwachsen sind, gibt es vormittags eigentlich nur noch Termine bei Ärzten, der Friseurin und in naher Zukunft wird sie vielleicht auch auf ihren Enkel aufpassen. Die Einkaufsfahrten spart sie sich, das Wichtigste bekommt sie im Einkaufszentrum, wo sie im Supermarkt arbeitet, aber daneben noch eine Bäckerei, ein Handyshop, eine Trafik, eine Apotheke, ein Florist, ein Tiergeschäft, eine Modekette, ein Geschenkeladen existiert, im hintersten Teil gibt es einen Discount-Shop, der ein abstruses Durcheinander von Dingen (Hauptsache billig!) anbietet, und im ersten Stock ist ein Fitnessstudio, aber dort war Beate noch nie. 

Beate sitzt an der Kasse, ihre Berufsbeschreibung heißt wohl Kassiererin, ihre Tätigkeit ist das Kassieren. Sie sitzt dort seit Jahren, nein, mittlerweile sind es Jahrzehnte, in denen sie immer etwas zu beobachten hatte. Neue Marken, die eingeführt wurden, und wieder verschwanden. Schwankende Produktverpackungen und Produktgrößen, überhaupt die Überdimensionierung in Multi-Packs und Family-Packs, die Waren in absurde Dimensionen transformieren. Sie bekam mit, wie Fernsehwerbung das Kaufverhalten beeinflusste, und dass mittlerweile nach Produkten gefragt wird, welche die Kunden in Werbespots auf facebook oder youtube oder bei irgendeiner Serie gesehen haben. 

Selten geworden sind Ladendiebe, entweder weil niemand mehr klaut oder besser geklaut wird, es keine Detektive mehr gibt, die dafür angestellt wären, die Kunden im Auge zu behalten um sie rechtzeitig zu stoppen oder sich Verfolgungsjagden zu liefern; wahrscheinlich rechnet sich das einfach nicht mehr, für alle Seiten. 

Von ihrer Kasse aus, blickt sie direkt auf das Schaufenster des Bekleidungsgeschäfts, mit wechselnden Displays und Designs. 

Zeit, an ihrem Arbeitsplatz längere Momente abzuschweifen, hat sie allerdings nicht, der Kundenstrom reißt nie ab. Wenn das Licht an ihrer Kasse aufleuchtet, dauert es nicht mal zehn Sekunden und Bananen, Semmeln, Energy-Drinks und so weiter landen auf dem Förderband. Ein durchgehender Warenstrom.

Es gab eine Zeit, da waren alle Kassen besetzt, das ist schon lange nicht mehr so, mittlerweile sind es höchstens drei. Leere Plätze wohin das Auge blickt. Der Rest bleibt stets unbesetzt, denn jede Kassiererin hat ihren Stammplatz. Früher war der Andrang größer, es gab auch weniger Supermärkte. Früher waren die Wartezeiten kürzer, es gab auch mehr Kassen. Vielleicht stimmt das auch nicht, das ist nur ihre Wahrnehmung, Beate weiß es nicht mehr.  

Heute ist der Stau von gestressten Menschen, die mit ihren Einkäufen im Arm zu genervten Menschen werden, fast normal. Das ständige „Kassa bitte!“ oder „Könnten Sie nicht endlich eine Kassa aufmachen!!!“ hat Beate zu ignorieren gelernt. Nein, können sie nicht, was soll Beate auch tun können. Auch den Sound von laut ausgestellten Ausatmern der Kundinnen und Kunden, (meist Kunden) die wahrscheinlich kommunizieren sollen, dass jemand gereizt ist, versucht Beate zu ignorieren. Früher waren die Menschen weniger forsch, sie hatten auch mehr Zeit. Teilweise kommt es fast zu handgreiflichen Situationen, Aggression liegt in der Luft, wenn die ältere Dame zu lange braucht, um ihr Kleingeld aus ihrer Geldtasche zu kramen, aber auch, wenn die Bankomatkarte wieder mal nicht funktioniert oder der Code vergessen wurde. All das passiert ständig. Normalität im Alltag von Beate, Verzögerungen im Tagesablauf der Kundinnen.

Heute wird zumindest Obst und Gemüse wieder an der kAsse abgewogen. Beate kann sich auch noch an die Zeit erinnern, die mühsame Zeit, an der die Kunden selbst ihre Ware abwogen, als allerdings dann oft das Gewicht oder der Artikel nicht stimmte, nicht stimmen konnte, und bei Nachfrage dann für beide Seiten eine unangenehme Situation entstand, weil man der alten Dame schließlich nicht vorwerfen wollte, dass sie die teureren Bananen eingepackt hat, allerdings die günstigeren auf dem Etikett standen, oder unzählige Male am Tag eine Kundin – ebenso unangenehm -den Bezahlvorgang abbrechen musste, weil sie wieder zurück zur Waage zu laufen hatte, manchmal übernahm das eine Kollegin, für die Kundin auch eine Demütigung. Auf jeden Fall wird jetzt wieder an der Kasse abgewogen. Kontrolle ist besser. Eigentlich ist es Beate auch egal. Es ist kaum verständlich, warum ständige Aufregung produziert wird, nur weil die Kunden, die davor oft gemütlich durch den Supermarkt geschlendert sind und ihre Produkte bedacht ausgewählt haben, an der Kasse dann diesen Stress entwickeln. Freundliche Gesichter, verständnisvolle Gesichter wechseln sich ab mit trüben, nervösen Gestalten, die meist nicht in der Lage sind, zu grüßen. Die auch nichts wissen wollen von aktuellen Angeboten oder dem Bonusclub, der ihren Einkauf um einiges günstiger machen könnte. Oder sie würden das Clubheft gratis bekommen, mit schmackhaften Rezepten, Tipps und Gutscheinen. Beate könnte ihnen auch sagen, wo sie am besten die Rabattsticker anbringen sollten, die sie doch mittels Werbesprospekten in ihrem Postkasten haben mussten. Gar nicht so leicht durchschaubar, da braucht man eine Insiderin wie Beate, die ihr Wissen auch gerne teilt, denn es ist ein komplexes System, denn manche Sticker sind nicht mit gewissen Aktionen kombinierbar und oft würde es sich lohnen, einmal eine andere Marke auszuprobieren. Heute wäre zum Beispiel … da wäre was im Angebot. Selber schuld, denkt sich Beate, die Menschen müssten nur mit mir sprechen. 

Seit ein paar Wochen gibt es in ihrem Supermarkt den Versuch mit Self-Service-Kassen, die Kunden und Kundinnen können, wenn sie unter zehn Artikel haben, selbst den Bezahlvorgang abwickeln, das soll alles ein wenig beschleunigen. Irgendwann wird das ihren Arbeitsplatz ersetzen, bis es soweit sein wird, ist sie allerdings wahrscheinlich schon in Pension. Klappt bislang nicht wirklich, eine Praktikantin steht an den SB-Kassen und kontrolliert den Bezahlvorgang und hilft den Kunden, die auch dort unmotiviert und frustriert wirken. Keine vier Meter weiter sitzt Beate und freut sich Frau Taupe begrüßen zu dürfen. Beate hatte die Pensionistin schon längere Zeit nicht gesehen und sich schon Sorgen um ihre Gesundheit gemacht, aber da steht sie – und kauft das Übliche ein und lustigerweise erstmals einen Smoothie.

menschen treffend: joe

Jetzt stellt er seinen Rucksack neben dem Mistkübel der Einkaufsstrasse ab. Joe breitet seine kleine Decke aus, nicht vollständig, sie dient ihm auch als Polster. Jetzt legt er seinen Hut vor sich hin und setzt sich. Mit Kugelschreiber kratzt er Worte auf einen Papp-Karton: Wechselgeldannahmestelle. Vielen Dank. Das ist momentan sein Spruch, er hatte auch schon andere, wie Mit jedem Euro werde ich reicher. oder Zuviel ist schon genug. 

Die frechen Sprüche funktionieren, zumindest besser als simple Bettel-Formulierungen, und so ganz unterwürfig konnte er sich sowieso nie geben, er sitzt ohnehin schon am Boden. Vor wenigen Monaten hatte er noch bunte Haare, das kam auch ganz gut an, in erster Linie bei älteren Herrschaften, die das schön klischeehaft außergewöhnlich fanden, quasi ein Exoten-Bonus, aber momentan trägt er die Haare kurz und relativ ordentlich, was viele Vorteile hat. Jetzt zündet sich Joe eine Zigarette an, und wartet. Die Leute direkt nach Geld zu fragen, wäre verboten, das würde als aggressives Betteln gelten, auch wenn man höflich darum bittet. Die Definition von „aggressiv“ hat sich in den letzten Jahren verschoben, wie so vieles. Er weiß, er kann in den nächsten Stunden mit acht bis achtzehn Euro rechnen, wenn es gut geht und ihn niemand verjagt oder die Polizei ruft, damit die das zu übernehmen. 

Die Menschen rund um ihn sind aber ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt. Im Gastgarten gegenüber werden Tische abgewischt und die Tafel mit dem Mittagsmenü aufgestellt, gestresste Mütter schieben ihre Einkaufswägen, nein, ihre Kinderwägen durch die Stadt, die Netze und Ablageflächen schon mit Milchpulver und Kosmetik vollgestopft, Coffee-to-Go-Becher jonglierend. Pensionisten flanieren dahin, wahrscheinlich auf dem Weg zum Arzt oder einem Treffen mit ehemaligen Kollegen, Pensionistinnen scheinen eher auf dem Weg zum Friseur zu sein. Noch ist es leider zu ruhig, Joe reisst eine Packung mit Nussschnecken auf, die er gestern aus der Mülltonne eines Supermarkts geholt hat. Man glaubt gar nicht, was alles weggeschmissen wird. Die Nussschnecken sind absolut in Ordnung, nur etwas zerquetscht. Ablaufdatum, ein mindestens so seltsames Wort wie Sollbruchstelle. 

Mit der Ordnung, die sich vor Joe ausbreitet, hat er vor Jahren schon gebrochen, dem Kreislauf von eat-sleep-work-… musste er entfliehen. Die Sehnsucht nach Shopping-Erlebnissen, mit denen die innere Leere gefüllt wird, oder Fernreisen in sogenannte Destinationen, an denen man dann in einer Art Simulation des umliegenden Landes in „Ressorts“ herumliegt und sich vollfrisst, hatte er nie. Das Konzept von Urlaub befremdet ihn, diese wenigen Tage, in die sich die Menschen gestresst hetzen um sich möglichst schnell zu erholen, um sich wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. Warum sollte man einen Großteil seines Lebens arbeiten, hinarbeiten auf einen Ruhestand, den man – abgearbeitet – nicht mehr in vollen Zügen genießen kann. Klar, man erarbeitet sich mit der Zeit auch was, so geht es vom ersten klapprigen Auto irgendwann zum Raumschiff auf vier Rädern, von der ersten Wohnung zum Haus mit Garten und Pool und Griller und Rattan-Sitzmöbeln, von Clever-Produkten zu den exklusiven Marken undundund. Der Trugschluss besteht darin, dass man je mit dem Status Quo zufrieden sein könnte, weiß Joe.

Wobei, bei vielen geht sich das ja auch nicht aus, und sie können, trotz Vierzig-Stunden-Job , nichts ansparen und sich nie die großen Träume erfüllen, die sie sich sowieso gar nicht mehr erträumen wagen. Das wirklich gemütliche und sorgenlose Leben, das geht sich einfach nicht für jeden aus. Der wirkliche Witz besteht ja darin, dass es der Mehrheit an freier Zeit fehlt, weil sie soviel arbeiten, dabei eine funktionierende, soziale und solidarische Gesellschaft torpediert wird, und gleichzeitig immer mehr Menschen ohne Arbeit dastehen, keine Kohle haben.

Klar, man kann mit sehr wenig Geld auskommen, dafür muss man nicht mal so genügsam wie Joe sein. Aber dann geht sich die vollwertige Teilhabe in der Gesellschaft eben nicht aus. Genau deswegen hat Joe sich eben entschlossen da auszusteigen. Das System ist kaputt, hier nicht mitmachen, bedeutet das System zu zerstören, hofft Joe, mitzumachen würde heißen, weiter an der Zerstörung von Menschen beteiligt zu sein. Das will Joe nicht, dann lieber von oben herab angeschaut werden. Und Joe blickt zurück, in meist verbrauchte, traurige Gesichter. Selten schauen sie freundlich, aber Joe lächelt sie an, eher mitleidig, aber das merkt keiner. 

Jetzt sind schon 68 Cent in seinem Hut. Zwei jugendliche Schulschwänzer und eine alte Dame waren die Spender, weitere Spaziergänger, die ihm nahekamen, wollten nur ihren Müll wegschmeissen, immerhin. 

Jetzt zündet sich Joe seine weitere Zigarette an, es ist auch noch etwas Tabak da, der muss bis zum Abend reichen, aber gerade deswegen kann er jeden Zug genießen. Joe ist draufgekommen, dass erst die Unverfügbarkeit das Reizvolle schafft und dass Beziehungen zu Dingen ein völliger Schwachsinn ist. Das sind zwei Punkte seiner Philosophie, die natürlich viel weiter geht und auch ständig in Veränderung ist. Und er spinnt sie täglich weiter, wenn er stundenlang in der Einkaufsstraße sitzt.

Jetzt ist sein „Arbeitstag“ bald zuende. Da schmeisst ihm – und Joe hat sich wirklich vorgenommen keine Vorurteile zu haben – doch tatsächlich zum Schluss ein Typ im Anzug, während er nebenbei auf sein glänzendes Smartphone blickt, eine fast leere Dose Red Bull hin. Das stinkt und klebt. Joe überlegt einen kurzen Moment und schreit ihm nach: Das Zeug vergiftet dich und frisst dich von innen auf. 

Es gibt viele Arschlöcher auf der Welt, es gibt soviel Hass auf der Welt, es gibt zuviel Ungerechtigkeit in dieser Welt. Es gibt Menschen, die verkörpern das alles in einer Person. In Anzug, teurer Uhr und potentiell teurem Auto und Jetset-Existenz oder auch ganz anders. Doch auch diese Personen werden sich eines Tages ändern müssen. Auch wenn es befremdlich bleibt, denkt Joe, am Ende des Tages gerade mal mit Sechseuroeinundachtzig sitzend, dass die Menschheit sich mittlerweile eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen kann. Den Satz hat Joe mal gelesen und der fällt ihm gerade ein. Joe hat die Phantasie für Zweiteres noch, er hätte ja nichts zu verlieren. 

menschen treffend: manuel

Auch das kann Karriere sein, wenn man mit Mitte Dreißig einen einfachen Job hat, wichtige Aufgaben und einen mindestens ebenso großen Verantwortungsbereich. Nachdem das mit der Schule nicht so klappen wollte, hatte Manuel sich lange mit kleinen Jobs über Wasser gehalten, Beschäftigungen, die er sich selber gesucht hatte, weil er wirklich ungern zum Arbeitsamt ging. Im Fitnesscenter hatte er dann Georg kennengelernt, der ihm eine Anstellung als Türsteher vermittelte. Lange Nächte mit viel Red Bull, aber wenig Stress und wenn die halbstarken Besoffenen doch mal auf Konfrontation aus waren, hatte er das relativ schnell dank seiner imposanten Erscheinung und seiner gleichzeitig ruhigen Art im Griff. Man schätzte ihn. Der Club, bei dem er arbeitete, musste leider irgendwann zusperren, warum, war ihm nicht ganz klar, eigentlich war es ihm nach drei Jahren an „der Tür“ aber auch egal, weil er mittlerweile eine Freundin, und mit ihr einen schon fast eineinhalb Jahre alten Sohn hatte. Ohnehin ergab sich sofort ein neues Angebot bei einer Sicherheitsfirma. Der Bedarf an Sicherheit war in den letzten Jahren gestiegen, in gewisser Weise auch bei Manuel. Die Sicherheitsfirma garantierte ihm eingeteilte Dienste, geregelte Arbeitszeiten, Anspruch auf Urlaub und vor allem, dass er nicht mehr nur in der Nacht arbeiten musste. Es war abwechslungsreich. Er bewachte Messen und Vergnügungsparks, Auf- und Abbauarbeiten, Eröffnungen und Ausstellungen, war bei privaten Partys wie auch offiziellen Veranstaltungen im Einsatz. Seine Arbeit dürfte er sehr zufriedenstellend verrichtet habe, denn eines Tages bekam er ein noch viel besseres Angebot. Er musste sich unter einer Telefonnummer melden, die ihm dann eine Adresse nannte, zu der er fahren sollte. Es war eine Villa am See. Seitdem in den letzten Jahren sämtliche wertvollen Seegrundstücke privatisiert wurden und es offensichtlich zum guten Ton von unfassbar reichen Leuten gehörte, sich eine Immobilie in allerbester Lage zu gönnen, gab es einfach auch den Bedarf diese Domizile gut zu schützen. Die Besitzer des beeindruckend weitläufigen Grundstücks am See, auf dem eine imposant große Villa stand, vertrauten ihm offensichtlich, das heißt, ihre Assistentin, denn die Besitzer hatte er bisher noch nicht getroffen. Er bekam den Job und ein Diensthandy, und aber keine neue Uniform, denn legeres, gepflegtes Auftreten reichte. 

Seine Aufgaben umfassten nicht viel mehr als in Abwesenheit der Besitzer auf die Liegenschaft aufzupassen, also zu gewissen Zeiten musste er anwesend sein, musste Gärtner oder Putzfrauen hinein- und auch wieder raus zu lassen, hatte zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist, sicherzustellen, dass kein Unbefugter vonseiten der Strasse oder des Wassers das Grundstück betritt. Die meiste Zeit scrollte auf seinem Smartphone durch die Facebook-Timeline oder löste Rätselseiten der Zeitungen, oft saß er auch einfach nur da und blickte auf das Wasser. Bisher hatte es noch keine nennenswerten Vorfälle gegeben, nur einmal kam eine Gruppe mit ihrem Schlauchboot dem Grundstück zu nah und machte Fotos.  Das ist völlig inakzeptabel, muss doch die Privatsphäre auch dann geschützt bleiben, wenn niemand anwesend ist. 

Es war ihm verboten – außer in absoluten Ausnahmefällen – die Schlafzimmer der Besitzer zu betreten, Lebensmittel aus dem Kühlschrank in der Küche zu nehmen und es war ihm auch strengstens untersagt, über seinen Einsatzbereich zu sprechen und verständlicherweise durfte er keinesfalls Fotos machen. Manuel hielt sich daran, vor allem aber, weil er davon überzeugt war, dass versteckte Überwachungskameras installiert sind, dass auch er als Bewacher nochmal überwacht wird. Letzlich ist jeder ein potentielles Sicherheitsrisiko und man kann niemandem absolut vertrauen. 

Die Besitzer hatten offensichtlich mit der Angst zu tun. Klar, wenn man Wohnungen und Häuser an prominenter Stelle an mehreren Orten der Welt hat, ist das nicht nur ein Genuss sondern vor allem auch eine Belastung.

Manuel beneidete sie nicht. Dagegen waren seine Ängste überschaubar, dachte er, waren nie wirkliche Ängste sondern Sorgen, Geldsorgen meistens. Aber die Bezahlung stimmte aktuell, vor allem, wenn er daran dachte, wie unaufwendig die ihm übertragenen Aufgaben waren. Im Gehalt war ein Bonus für seine Diskretion schon eingerechnet, auch Überstunden würden extra bezahlt werden. 

Wieviele, wie er, in ähnlichen luxuriösen Häusern saßen und wachsam die Zeit totschlugen, wusste er nicht, schließlich durften sie, wie er, nicht über ihre Arbeitsplätze sprechen. Und sie warteten, wie er, insgeheim darauf, dass es doch einen Zwischenfall gäbe, die Alarmanlage endlich mal korrekt anschlagen würde, und sie zumindest das Pfefferspray auspacken könnten. Der Dank der Besitzer wäre ihnen sicher. 

Manuel denkt zur Zeit darüber nach, ob er nicht einen Einbruch erfinden sollte, den er im letzten Moment verhindern haben würde. Bei Einbruch der Dunkelheit wäre eine Bande von Kriminellen über die Mauer, Nein, mittels eines Motorboots aufs Grundstück gelangt, ausgestattet mit professionellem Werkzeug und der klaren Absicht durch eines der Fenster im ersten Stock ins Haus zu gelangen. Rechtzeitig hätte er sie erspäht, die Flutlichter und die Sirenen aktiviert und sie so in die Flucht geschlagen, danach habe er pflichtgemäß die Polizei informiert, die innerhalb von zehn Minuten eingetroffen wären, wobei er auch sogleich ein Tatwerkzeug sichergestellt gehabt hätte und der Polizei übergeben hätte können, und, Nein, aber die Fingerabdrücke ….

Verdammt, man könnte ihm Unachtsamkeit unterstellen oder an seiner Erscheinung zweifeln. Und außerdem gibt es ja noch die Kameras und wer weiß, welche Maßnahmen die Besitzer noch ergriffen hatten, um ihren Besitz zu schützen. Sein Plan ist noch nicht ausreichend durchdacht, das weiß er selbst, aber während Manuel aufs Wasser schaut, spielt er ihn immer und immer wieder durch, er will sich schließlich nicht langweilen.

menschen treffend: andreas

Wie war er bloß auf dieses Podium geraten? Grundsätzlich wusste Andreas es natürlich, aber war die falsche Entscheidung, dass ausgerechnet er bei dieser Veranstaltung teilnehmen musste. Er war nicht zuständig, er war nie zuständig gewesen und trotzdem war er nun anwesend. Mehr nicht. Weißer Leinenanzug, darunter ein leichtes Hemd, die obersten Knöpfe offen, am Rever ein Anstecker seiner Partei. Das hatte er für diesen Abend ausgewählt, sich noch im Dienstwagen umständlich umgezogen. Der Stuhl unter ihm: Thonet-Nachbau, fühlte sich unbequem an. Die tatsächlich Zuständigen hatten sich auf wichtige Termine ausreden können und deswegen musste er einspringen. Er bereute, sich nicht ebenso energisch gegen die Teilnahme gestellt zu haben, denn er war – verdammt nochmal – eben keinesfalls verantwortlich, nicht mal kompetent, aber das würde er so nie sagen. 

Vor ihm saß, mit ein einigen leeren Stuhlreihen Abstand, ein Querschnitt aus Bürgern und Bürgerinnen. Aus den Gesichtern konnte er eine Skala von interessiert erwartungsvoll bis aggressiv enttäuscht lesen. 

Er wusste es ja selbst, dass es scheiße gelaufen war. Man hätte das Projekt von Anfang an anders aufziehen müssen, man hätte nicht das angefangene Projekt der letzten Landesregierung in dieser Art übernehmen dürfen. Zu Recht wird die mangelnde Kommunikation und die schwammige Planung angesprochen. Aber er sitzt nunmal hier um den Status Quo zu verteidigen, irgendwie, so gut es geht, denn alle Informationen zum Projekt hatte er auch nicht, nur ein paar Unterlagen. Und natürlich hörte er beim Eingangsstatement gut zu, aber irgendwann waren die Informationen verschwommen und er konnte nur noch einen Brei an Schlagworten wahrnehmen, klang eh ganz gut. Also ausbaufähig und ambitioniert, aber das hat schon Potential, wird schon, dachte er. Das notierte er sich, oder vielmehr notierte er sich die Schlagworte: Ambitioniert, mutig, zukunftsweisend. Das war ihm so eingefallen. Gerade war da noch der Satz, der fast sloganhaft war oder zumindest ein Sprichwort, irgendwie was mit „Man muss es wagen, um ..“ Nein, es fiel ihm einfach nicht mehr ein. Er machte einen unauffälligen Blick auf seine Uhr. Erst 27 Minuten waren vergangen. Zu gerne hätte er auf sein iPhone geschaut und auf Twitter herumgescrollt, aber das verbat er sich. Ganz unvermittelt kam ein Gähnen in ihm auf. „Ich bin einfach scheiß müde“, dachte er sich. Und richtete sein Jackett. Viel lieber wäre er daheim auf seinem Sofa gesessen oder noch etwas essen gegangen oder würde einfach schon schlafen.

Er wusste, es würde heute zu keiner Verständigung, keiner zufriedenstellenden Lösung oder auch nur Erklärung kommen. Er hasste solche Termine. Hier würde es keine schönen Bilder geben, keine Dankesworte zu sagen, kein Raum für Ansprachen, nichts, einfach nur Gerede und sogenannte Wortmeldungen. Warum muss man auch immer herumdiskutieren?! Das Projekt war am Weg und auch der Verlauf des Abends würde daran nichts ändern. Er schlief fast ein, man kann sagen, er war gelangweilt.

„Bürgerbeteiligung ist ja schon ein schlimmer Versuch sich greifbar zu geben, aber wenn dann auch noch hysterisierte, selbsternannte Betroffene vor einem sitzen… das ist wirklich zu kotzen“, verselbstständigten sich seine Gedanken. Und er musste leicht auflachen. „Burgerbeteiligung. Ein Burger wär jetzt großartig“.

Er riss sich wieder zusammen. Immer noch Rumoren im Saal, Anspannung, Fragen, Antworten, Stimmen. „Oder eine Bratwurst. Senf. Eine Semmel. Bier. Das hätte ich mir verdient.“ Sein Gesicht performte in diesem Augenblick interessiertes Zuhören, es wurde lauter. Die Stimmung war aufgeheizt, dementsprechend war auch die Temperatur im Raum. Das Wasser, das man ihm hingestellt hatte, war leider lauwarm gewesen, er hatte es trotzdem ausgetrunken, schon vor dreissig Minuten und offensichtlich würde sich niemand darum kümmern, dass er ein neues bekommt. Gerne hätte er ein Bier, oder besser ein Glas Wein und ein Glas Wasser, also hätte er aufstehen und zur Bar gehen oder er vom Podium herab darum bitten müssen – oder einfach darauf verzichten. „Gibt es eigentlich einen Hinterausgang? Wie schaue ich unauffällig auf die Uhr? Und wann ist es Zeit auffällig auf die Uhr zu schauen, um zu signalisieren, dass man jetzt doch endlich mal zum Ende kommen könne.“, lief es in seinem Kopf.

Dabei versank er immer weiter in seinem Sessel. Anfangs war das am Stuhl zu rutschen noch ein unbewusster Akt gewesen, er war einfach sehr unbequem, Andreas hatte sich immer wieder aufgerichtet, aber mittlerweile war es ihm egal. Er hatte keine Lust mehr, er hatte sie nie. Er war völlig in sich zusammengefallen. Und dieses Bild konnte ruhig so rezipiert werden.

Er schaute in dieser verkrümmten Haltung in die Gesichter im Publikum und er verachtete jedes einzelne, aber er durfte es nicht zeigen, denn jeder von ihnen war ein potentieller Wähler. Dass er so dachte, seine aggressive Stimmung tat ihm gleichzeitig leid. Der Tag war schon lang gewesen, voll mit Treffen, Sitzungen, E-Mails und Anrufen, und letzte Nacht hatte er schlecht geschlafen. Das interessierte hier niemanden. Er wollte sich nochmal bemühen, Verständnis zu entwickeln und dies auch dementsprechend zu formulieren, aber man hörte ihm nicht zu. Eigentlich war auch dieser Abend scheiße gelaufen, insofern passte die Stimmung perfekt zum Projekt. Die letzten zehn Minuten der Veranstaltung verwendete er, um darüber nachzudenken, wie er hier gelandet war, also wie sein Weg vom engagierten, jungen Parteimitglied zum Berufspolitiker war, und an welchem Punkt die Zwänge angefangen haben und sein Zynismus eingesetzt und er die Verbindung zu den Sorgen der Menschen verloren hat. Für einen Moment wünschte er sich, wieder so mutig denken zu können, wie in seiner Jugend. Dann dachte er wieder daran, wo man noch was zu essen bekommen könnte, denn es war spät, alles hatte schon geschlossen. 

menschen treffend: wolfgang

Es ist ein routinierter Ablauf. Um 8:30 Uhr kommt er in der Firma an, Parken am Mitarbeiterparkplatz, die paar Schritte zum Hintereingang, wo er die ersten Raucher begrüßt, über die Stiegen in den ersten Stock, zum Kaffeeautomat (Verlängerter, aktuell: € 1,-), dann nochmal zum Hintereingang um auch noch eine Zigarette zu rauchen. Ein paar Worte über das Wetter werden gewechselt, dann ein paar Sätze zur Familie, Nachfrage, wie es den Kindern geht. Zigarette austöten, wieder in den ersten Stock, kurz vor 9:00 Uhr, einstempeln, kurze Nachfrage im Büro, ob heute irgendwas Besonderes ansteht., dann wieder ins Erdgeschoss und von dort mit dem Lastenaufzug ins oberste Geschoss. Licht einschalten, die Neonröhren beginnen zu surren. Aus dem Dunkel erscheinen die vielen hohen Regale. Möbel.

Das ist das Reich von Wolfgang. Er kennt hier jeden Winkel, unter dem Dach, ohne Fenster, wo es etwas staubig ist, was sich nicht vermeiden lässt, wo aber eine absolut Ordnung herrscht, herrschen muss. Im Gang neben dem Lastenaufzug hat er Seit mittlerweile 27 Jahren arbeitet er in diesem Möbelhaus, das an diesem Ort seit über 50 Jahren existiert. Es ist keines dieser riesigen Möbelhäuser sondern ist seit über 50 Jahren unverändet groß, auch wenn durch diverse Umbauten in den Jahren Platz immer mehr opitimiert wurde. Wolfgang hat noch 4 Jahre bis zur Pension, eventuell weniger, wenn sein Rücken tatsächlich nicht mehr mitspielen sollte. 

Lagerarbeiter, Lagerleiter, Lagerlogistiker – so verlief sein Aufstieg in der Firma, mittlerweile wird er nur noch allgemein als Logistics geführt. Es hat sich viel geändert, manches hat ihm die Arbeit erleichtert, manches ist mittlerweile etwas komplizierter, beides steht im Zusammenhang mit dem Logistik-Computer. Es ist wie mit den Möbelstücken: Sie werden kleinteiliger und gleichzeitig leichter, früher waren sie größer und schwerer, dafür stabiler. „Alles hat seine Vor- und Nachteile“, sagt er immer, und „Qualität ist schwer zu finden und kostet natürlich.“ Das weiß er, eigentlich ist Wolfgang gelernter Tischler, war ein paar Jahre in einer Tischlerei beschäftigt, bis diese zusperren musste und er seine Arbeit verlor. 

Seine Aufgabe nun hier: Menschen kaufen in den Stockwerken darunter ihre Möbel, sobald ein Verkäufer die Rechnung ausdruckt, wird er benachrichtigt und bereitet die Möbel zur Ausgabe vor. Er fährt mit dem Schwerlast-Plattformwagen zum entsprechenden Lagerregal und hebt das oder die Möbelstücke darauf und fährt mit diesen dann möglichst schnell mit dem Lastenaufzug ins Erdgeschoss, in die Lagerhalle an der Ausgaberampe. Oft stehen dort schon die Käufer und händigen ihm im Tausch für die Ware die Rechnung aus. Bis zur Rampe bringt er sie, nur in Ausnahmefällen hilft er auch bei der Beladung ins jeweilige Fahrzeug, bei überforderten Pensionisten beispielsweise, die sich ein neues Kästchen gönnen, das gerade verbilligt im letzten Werbeprospekt beworben war und von dem er noch unzählige Kartons auf Lager hat. Jungväter packen meist selbst gerne und allzu beherzt selbst an der Rampe an, um ihre Kraft zu beweisen, diesen hält er höchstens noch den Schwerlast-Wagen, weil er sonst über die Rampe rollen würde. Alleinstehende Männer kontrollieren meist noch die Pakete oder Möbelstücke auf Beschädigungen, die können natürlich vorkommen, lassen sich aber vermeiden. Unterschrift, Stempel, und schon fährt Wolfgang wieder mit dem Lastenaufzug in den letzte Stock, wo schon die nächsten Aufträge auf ihn warten. Es gibt Tage, wo er gar nicht dazu kommt, mit Heimo, der in der Lagerhalle arbeitet, mehr als einen schnellen Spruch zu wechseln. Er hat zwar einen Helfer, momentan Alex, aber auch mit ihm kommt er kaum zum Reden, Alex arbeitet drei Stunden weniger als Wolfgang und ist seit dem letzten Jahr sein mittlerweile sechster Helfer, da niemand lang bleiben will, und Alex wird in zwei Monaten auch weg sein, weil er einen besseren Job gefunden hat. 

Die Einsamkeit, hier, unter dem Dach, macht Wolfgang eigentlich nichts, früher hat er Zeitung gelesen, zwischenzeitlich hatte er sogar einen kleinen Fernseher, der ihm aber von der Geschäftsführung verboten wurde, mittlerweile drückt er auf seinem Smartphone herum, scrollt durch Nachrichten- oder Sport-Seiten oder googlet Bilder von nackten Frauen. Aber er kommt kaum dazu, auf seinem Telefon herumzuspielen, denn erstens hat er genug zu tun und zweitens ist der Empfang hier, unterm Dach, sehr schlecht.