menschen treffend: friedrich

„Gerne Termin geben! Kann mir kleine Unterstützung sehr wohl vorstellen! Werde aber keinesfalls der Neidgenossenschaft Vorschub leisten und mir schon gar nicht vorschreiben lassen wem, wo, wie und warum wir fördern!“ Noch schnell, zwischen zwei Terminen, schickte Friedrich diesen Kurzbrief als Mail ab. Eigentlich hätte das eine interne Notiz sein sollen (ablesbar auch daran, dass Friedrich sie nur mit seinem Vornamen zeichnete), Friedrich sendete sie aber an jene unfähigen Häuselbauer, die gerne ein Luftschloss errichten würden und dafür auch noch einiges an Unterstützung haben wollen. Unabsichtlich, ein großes Versehen, ein grobes auf jeden Fall. Rufzeichen sind Anzeichen, zeigen hier einen unguten Befehlston an, den man Friedrich so gar nicht zugetraut hätte. Viel zu beherrscht tritt er normalerweise auf, als jemand, der eher verbindet als trennt – so ist er zumindest angetreten. Aber nun ist er schon einige Jahre im Amt, vielleicht ist dies auch nur Ausdruck einer gewissen Müdigkeit. Die Zeit frisst bekanntlich am Gemüt, wie der Stress, man kann sich ja nicht um alles kümmern, müsste aber und will eigentlich auch. Dazu gehört auch, dass man Entscheidungen trifft, auch die unangenehmen, den Weg weist und auf diesem Pfad kann man es natürlich nicht jedem Recht machen. Und was sind schon Vorgaben und Kriterien? Was sind schon Gesetze?  – Auch nur ein Spielraum, den man leichtfüßig dehnen kann. Man hat einfach mit so viel Problematiken zu tun, mit soviel problematischen Interessensgruppen und irgendjemand ist letztlich immer unzufrieden. Alle wollen immer nur haben, haben, haben. Die wenigsten wollen geben, das ist auf die Dauer auch frustrierend, damit muss man klarkommen. Friedrich nimmt den Frust auf sich, ohne mit der Wimper zu zucken, dafür steht er mit seinem Namen. Er hält die Gemeinde zusammen.

Klar, ist es oft schwierig die Balance zu halten. Ausgleich findet Friedrich aber in seiner Familie, der Natur, beim Spaziergang, in den kleinen täglichen Ruheinseln, die nur ihm gehören. Friedrich ist eigentlich ein ruhiger Charakter. Bedächtig und sanft legt er die Hände zusammen, wenn er öffentlich spricht, er wirkt geerdet und ruhig, nur selten löst er sich aus dieser eleganten Haltung, höchstens um sich schnell und gekonnt seine Brille zu richten, die aber meist, genauso wie sein Anzug, eigentlich perfekt sitzt. Ein wenig steif wirke er manchmal, spaßbefreit, lustfeindlich auch, zumindest würden ihm das seine Kritiker unterstellen, wenn sie gehört würden. 

Er ist vor ein paar Monaten angetreten um alles zu verändern, anders zu machen, wieder besser zu machen. Vieles konnte er, ausgewogen oberflächlich, einlösen. Allerhand, was so eine frische Corporate Identity alles schafft. Das Miteinander wollte er fördern, politisch wie auch am Wirtshaustisch, wahrscheinlich ist ihm das tatsächlich gelungen, oder auch dies wird zumindest sehr gut verkauft. 

Friedrich trifft man am Brauchtumsfest genauso wie bei Kulturveranstaltungen. Die Regel ist: Drei Besuche im Altersheim oder einer Sozialeinrichtung, zwei Besuche bei einer Traditionsveranstaltung, ein Besuch bei einer Lesung, zum Beispiel. Dafür, dass sein Ort eher überschaubar ist, gibt es doch ständig was zu besuchen. Und Friedrich taucht auf, oft auch unangekündigt – das ergibt gesamt ein gutes Bild. Ein wenig Understatement, aber auch das ist ein Statement, nämlich dass man es nicht mehr nötig hat, sich zu behaupten. Alle wissen, wo die Macht sitzt und die hat einen fitten Körper und ein aufgeräumtes Gesicht und das gehört nunmal Friedrich. 

Er steht zu seinem Wort, auch das eine Qualität, da steht er dann an seinem eigens angeschafften Plexiglas-Pult und verkündet, sogar im Livestream, direkt aus dem Rathaus; auch wenn man sagen könnte, das sei reichlich aufgeblasen für so ein Provinznest. Sein Wort hat Gewicht und wird auch über die Grenzen seiner Provinzgemeinde nicht nur gehört sondern, so wird es zumindest wahrgenommen, auch beachtet.

Friedrich verkörpert Hoffnung und hat definitiv Strahlkraft, aber nach dem letzten Bürgermeister wäre wohl jeder als Lichtgestalt wahrgenommen worden. Seine Gemeinde war bis zu seinem Amtsantritt ja nur noch als Skandalort bekannt, Veruntreuung von Geldern aus der Stadtkasse, überhöhte Spesenabrechnungen, undsoweiter und dann noch Versuche Kritiker mundtot zu machen. 

Gerade deswegen wäre es ja so enttäuschend, wenn sich Friedrich mit seinem Missgeschick auch in einen Skandal verstrickt hätte, denn wenn man sich die Worte auf der Zunge zergehen lässt, die Friedrich in völliger Unachtsamkeit, die ihm normalerweise nicht unterkommt, ausgekommen sind, ist es zumindest ein kleiner …, ein Skandälchen, wenn man es genau betrachten würde.  

Man könnte sagen, er benehme sich wie ein König oder Kaiser, der gnädig nach seinem Gutdünken die Gelder an die Untertanen verteile. Man würde ihm unterstellen, auch er bediene doch nur jene, die ihm nahe stehen, die er von früher kenne, mit denen er dann und wann mal auch privat zusammenkomme. Nichts Außergewöhnliches in dieser Gegend zwar, man ist sich halt doch so nah. Gewisse Naheverhältnisse können nicht ganz vermieden, schon gar nicht ausgeschlossen werden. Geht einfach nicht, geht einfach nicht anders. Man würde sich darüber lustig machen, dass ein „Freundschaft!“ aus seinem Mund tatsächlich nur einen Wert habe, nämlich den der Förderhöhe. Und das wäre natürlich nicht nur unlustig sondern auch unrichtig. Da würde man ihn tatsächlich völlig falsch einschätzen, denn so sei er nicht, so sei er wirklich nicht. Es sind nur die Nerven und die Anspannung und manchmal, nur sehr selten, verliert Friedrich eben seine eigene Beherrschung.

Und Friedrich hat nicht unrecht: Die Neidgenossenschaft, die um sich greifende, der geifernde Zusammenschluss der Unbefriedigten wird immer größer und es wird noch soweit kommen, dass sie zur nächsten Wahl antritt. Und das darf nicht passieren, deswegen checkt Friedrich nun immer mehrmals, bevor er eine Mail abschickt, nämlich wem er, wann, wo, wie und warum schreibt. Auch über den Inhalt will er in Zukunft ein zweites Mal nachdenken. Gut so. 

menschen treffend: josef

„Deitsch“, so spreche man hier in diesem Land, das sei die Sprache, die man verstehe und die unsere Kultur präge, geprägt habe und immer prägen werde. „Herrgott, schau oba.“, denkt sich Josef. 

Heute wird wieder mal diskutiert im Dorfgasthaus, heute gibt es erneut einen Anlass dazu. „Einer von den Slowenen“ habe gefordert, dass als zweite Landessprache „slowenisch“ festgeschrieben werden solle. Das stand in der Zeitung, die jetzt noch aufgeklappt am Wirtshaustisch liegt. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr kämen „die Slowenen“ wieder damit „daher“. Wobei das natürlich auch für Josef einleuchtet, dass „die Slowenen“ ihre Chance wittern und natürlich versuchen das 100-Jahr-Jubiläum der Abstimmung zum Verbleib bei Österreich zu nutzen, vielmehr noch: zu instrumentalisieren. Das wird „den Slowenen“ natürlich nicht gelingen. „Diese Hund!“ 

Es reicht, es reicht, es reicht!, seit Jahrzehnten gehe das so, es reicht „den Slowenen“ offensichtlich nie. „De Tschuschn unta uns“ 

Die große Angst, die am Wirtshaustisch herrscht, ist, dass man jetzt nicht nur einen „Slowenenversteher“ und „Slowenenfreund“ als Landeshauptmann habe, sondern einen, der „woarscheinlich sölba ana von denen is“. Wer weiß, denkt sich nicht nur Josef, wenn jetzt tatsächlich all die Forderungen erfüllt würden. Seit der letzte richtige Landeshauptmann, nein, Landesvater, der wirklich jedem und jeder und allem in diesem Land die Hand geschüttelt habe, auf tragische Weise ums Leben kommen musste, ist alles möglich. Jetzt gäbe es niemanden mehr, der dem ganzen „Minderheitenblödsinn“ abschwöre, der sich dagegen stelle, wie der Landeshauptmann, der sowohl im weißen Anzug wie auch im braunen Kärntner-Anzug, der im Landtag wie auch auf der Straße immer eine gute Figur gemacht habe, und mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet worden war. Je nach Blickwinkel entweder vom Mossad oder von den Freimaurern oder von … Josef glaubt eher, es waren „die Mächtigen“, die ihn einfach weghaben wollten, denen er im Weg stand, weil er der Letzte war, der sich noch dagegenstellte. Gut in Erinnerung ist Josef noch, wie der Landeshauptmann, der „Londesvota“, persönlich anrückte, um Ortstafeln zu verrücken, ganz friedlich und rechtskonform natürlich. Geklatscht hatte Josef damals, als er die Bilder im Fernsehen sah, diese ikonischen Bilder mit dieser Ikone der treuen Patrioten, deren Herz für ihr Land schlägt. Eine Mehrheit habe damals geklatscht, so hat es Josef in Erinnerung, die meisten fanden es gut, alle haben zugesehen. Warum wohl, stellt Josef fest, weil das eben alle guthießen. Gibt ohnehin kaum noch welche von denen, werden immer weniger, stellt Josef fest, weil sie ja selber merken, dass sie ihr „slowenisch“ nicht brauchen. „Za wos?!“ Für was denn überhaupt, wenn sie sowieso deutsch sprechen. 

Schimpf und Schande brächten „die Slowenen“ über das Land, ständig nichts als Unruhe wollen sie stiften, seit Jahrzehnten, nur Forderungen könnten sie aufstellen und immer wieder neue Ortstafeln. Man habe mehrmals den kleinen Finger hingestreckt und trotzdem wäre nach der ganzen Hand gegriffen worden. So ist das in Josefs Erinnerung, er habe das ja alles miterlebt, immerhin sei er – seit diesem Jahr in Pension – ja auch schon 65. 

Man erinnere sich, dass sich vor hundert Jahren eine Mehrheit der lokalen Bevölkerung für den Verbleib bei Österreich entschieden hat, eine Mehrheit, die nur überwiegen konnte, weil auch zweisprachige Kärntner und Kärntnerinnen für diese Aufteilung und eben nicht Abspaltung votiert haben. Man erinnere sich, dass kaum ein Jahrzehnt nach dem zweiten Weltkrieg im Staatsvertrag die Minderheiten-Rechte festgeschrieben wurden, welche der slowenischsprachigen Bevölkerung in Kärnten Sprache wie Kultur zugesichert hatten. Man erinnere sich, dass diese in Artikel 7 des Staatsvertrags von 1955 festgeschriebenen Rechte auch fünfzig Jahre später noch nicht garantiert werden konnten. Josef erinnert sich nicht. Josef erinnert sich nicht oder erinnert sich anders. 

Er kenne sie, „die Slowenen“, nicht aus seinem Ort, wo es sicher kein Slowene lebe, sondern von dort, wo man etwas tiefer in sein Kärntner Land gefahren sei. Dort sitze man im Gasthaus und sei der Feind, da würde man auffallen. Spürbar sei die Ablehnung gegen jene, die nicht slowenischsprachig sind. Da würde dann auf windisch oder slowenisch oder einem Kauderwelsch getuschelt und geschimpft. Und obwohl Josef nicht versteht, was da gesagt wird, ist er sich sicher, dass dies genau so sei. Unfreundlichkeit, Ablehnung. Eine aufgeheizte und angespannte Stimmung nehme man wahr. Er erinnert sich an mehrere Begebenheiten, die er fast als bedrohlich wahrgenommen habe. „Ongst“ und Unwohlsein beschleiche ihn und naturgemäß ein Misstrauen. Diese dauernde Unzufriedenheit von der Gegenseite, in den Gesichtern eingeschrieben, verbittert, kampfesbereit. Wem es hier nicht passe, könne ja sofort abhauen, zurück über die Grenze, wo sie hingehören, „diese Slowenen“, es kämen sowieso immer mehr Ausländer („A noch de Moslems“). Und wohin führe das? – Naturgemäß zur Umvolkung, aber das will man vielleicht auch. Fremd im eigenen Land, so fühlt sich Josef. „Hetz glab is owa gach. Wir san in unsam eignen Lond bold die Auslända.“

Es sei ja schon ein Zeichen, denkt sich Josef, dass an der Schule seiner Enkelin slowenisch als Freigegenstand angeboten würde, wie er letztens erfahren habe, soweit seien wir schon. „Sicha nit“ 

Josef sieht auch gar nicht ein, warum man überhaupt eine andere Sprache lernen sollte („Za wos?!“), habe er auch noch nie gebraucht, nicht beim Ausflug über die Grenze nach Italien zum Pizzaessen und nicht mal im Urlaub – in Lignano oder Bibione. Die können alle deutsch, also wieso solle er es lernen. Ein paar Wörter kann Josef natürlich schon: „Ciao“ zum Beispiel, „Uno – Duo – Tre“ aufzählen und „Birra“ sowie „Pivo“ rufen, und „Cevapcici“ und, da muss Josef etwas überlegen, sogar „Dober dan“. 

menschen treffend : nadja

Um diese Uhrzeit wäre sie vor einem Jahr wahrscheinlich am Rande einer Tanzfläche gestanden, hätte sich mit jemanden unterhalten, in Erwartung des perfekten Moments beziehungsweise des perfekten Lieds um die letzten Stunden noch zu tanzen. Vor einem Jahr wäre sie in dieser Nachtstunde noch nicht mal ansatzweise müde gewesen.

An der Tankstelle stehend, Automatenkaffee in der Hand arbeitet sie gerade daran, dass sie halbwegs wach wird, wach wirkt, darauf wartend, dass die Stapel an Zeitungen endlich geliefert werden, heute offensichtlich wieder mal verspätet. Es ist 2 Uhr. Nadja studiert den Zettel ihrer aktuellen Tour, darauf sieht man, welche Haushalte ihr Abo beendet oder pausiert haben, welche neuen Zustelladressen dazugekommen sind. Ebenfalls darauf ersichtlich, was man in der letzten Nacht falsch gemacht hat, welche Adressen man vergessen, wo man die Zeitung an den falschen Ort abgelegt hat. Meist arbeitet Nadja sehr genau, manchmal kann es aber passieren, dass man etwas übersieht, nachtformabhängig. Die Abonnenten werden unruhig, wenn sie nicht, wie gewohnt, rechtzeitig zum Frühstück ihre Zeitung bereitliegend haben. 

Nadja hat Publizistik studiert, als sie anfing noch mit der vagen Hoffnung oder dem Wunsch Journalistin zu werden, wozu ein Publizistikstudium ohnehin nie der richtige Weg war. Anstatt für Zeitungen zu schreiben, trägt sie nun Zeitungen aus. Als sie den Master in der Tasche hatte, begann für Nadja der Realitätsabgleich, nämlich einen Job zu finden, in dem sie nun arbeiten konnte. Ließ sich aber nicht finden, weder in den Stellenanzeigen der Zeitungen noch am Arbeitsamt. Nachdem sie weder kellnern wollte, was sie während ihres Studiums schon gemacht und immer gehasst hatte, noch weiter auf das erniedrigende, offizielle Service des Arbeitsmarkts bauen,  aber nunmal trotzdem Geld und also irgendeine Einkunftsmöglichkeit brauchte, hatte sie sich als Zeitungszustellerin beworden, der Flugzettel dazu wurde ihr absurderweise eines Morgens mit ihrer Zeitung zugestellt. Seit 9 Monaten und 18 Tagen steht Nadja nun Nacht für Nacht auf (es gibt nur wenige Feiertage an denen keine Zeitung ausgeliefert werden muss), steigt in ihr Auto und landet zuerst immer bei der Tankstelle an der Hauptstrasse, wo diverse andere verlorene Nachtarbeiter und NachtarbeiterInnen sich vor allem mit dem zielgenauen Werfen von mit Gummi eingerollten Zeitungen, dem Gerenne durch Treppenhäuser, dem Abzählen von Postkästen und dem Suchen nach Häusern ohne Hausnummer ihr Geld verdienen. Darunter sehr viele Migranten, und verweifelte Mütter (mit Schulden), verzweifelte Väter (mit Schulden), die teilweise auch einem Dayjob nachgehen. Sie alle treffen dabei auf glatte Straßen, unzählige bisswütige Hunde, verschiedenste Alarmanlagen und  betrunkene Gestalten. Oder das Auto gibt den Geist auf, mittendrin in der Schicht. Und ein genervter Kollege muss kommen und die Schicht übernehmen, wenn man nicht aus dem kaputten Auto raus, zu Fuß, die restlichen Zeitungen noch rechtzeitig verteilen kann. So ein Auto streikt schnell, die wenigsten haben ein aktuelles Modell, die meisten fahren in ihren Rostschüsseln herum. Unfälle werden nicht abgegolten, es gilt: Man ist in seinem Fahrzeug EinzelunternehmerIn, die die Aufgabe übernommen und dies auch unterschrieben hat, dass man selbstständig ein gewisses Kontingent an Zeitungen verteilt. Reparaturen kann man nicht geltend machen, höchstens dann in seiner Steuererklärung, sofern eine solche bei einer derart niedrigen Belohnung überhaupt Sinn macht. Krankheit interessiert auch niemanden, man hat selbst für Ersatz zu sorgen, schließlich ist man EinzelunternehmerIn, also fährt man eigentlich immer doch selbst. Es wäre auch viel zu aufwendig, jemanden einzuschulen, denn den Plan, wo man zuerst hin muss um dann wie weiter am schnellsten durch die Nacht zu kommen, während sich der Zeitungsstapel am Beifahrersitz, am Rücksitz, im Kofferraum langsam verkleinert. Einmal in der Woche will auch die Gratiszeitung noch zusätzlich ausgetragen werden, an jeden Haushalt, (zusätzliche Last) außer an all jene, die dies explizit vermerkt haben, muss man sich auch noch merken und zuerst mal bemerken. 

Es ist im Grunde ein scheinheiliges System in seiner Scheinselbstständigkeit, allerdings auch nicht viel anders wie bei den Paketboten, die Tag für Tag durch unsere Städte jagen im Auftrag von UPS, Hermes, DPD und wie sie alle heißen. Arme Gestalten der Nacht als Schattenzwillinge zu den armen Gestalten des Tages. Den modernen Ausgebeuteten unter uns, von denen niemand vermutet, dass sie es sind. Nämlich im Auftrag aber letztlich auf sich allein gestellt. 

Darüber sollten die Zeitungen mal berichten, denkt Nadja Nacht für Nacht, welche Sklaven, welches irre Prekariat sie schaffen, mit ihren Abfallprodukten aus Zeitungspapier, mit ihren Ablaufprodukten am Zeitungspapier. 

Wenn die Schicht wieder mal länger dauert als erwartet, wenn wieder mal etwas unerwartetes passiert, steigt in Nadja der Ärger hoch, vielleicht weil sie noch nicht gebrochen ist, weil sie sich mehr erwartet, vor allem Fairness, von einem Leben unter Menschen, weil Nadja weiß, man könnte es besser machen. Eben besser bezahlen, eine bessere Logistik, für den Anfang würde auch unbegrenzt Gratis-Kaffee mal reichen oder Worte der Wertschätzung, neben dem Zapfhahn während man die Stapel hingeknallt bekommt. Stapel voll mit kopierten APA-Meldungen, vollgestopft mit Anzeigen, die Artikel simulieren, mit Artikeln, die Anzeigen verpacken. Seitenweise Hinweise auf die besten Preise. Zeitungsblätter als Werbeblätter. Von gutem Journalismus keine Spur. Von Haltung ist schon lange keine Rede mehr, von Meinungsbildung  (mit Betonung auf den zweiten Teil des Wortes), auf die Gatekeeper-Funktion, nämlich Ordnung in eine zunehmend komplexer werdende Welt zu bringen, auf mehr zu verweisen als auf sich selbst. Aber dahin schweift Nadja weit ab, in ihrer Erwartung, an das Produkt, das sie verteilt. Und sie gibt ihren Traum nicht auf, von der Zeitungsausträgerin zur Zeitungsverlegerin. Sie würde es besser machen, denkt sie sich, wenn sie die letzte Zeitung ihrer Tour, wie gewünscht, in einen Plastiksack verpackt und mit Gummiringerl gesichert, direkt vor die Haustür des weißen Hauses mit den zwei Betonlöwen in der Sackgasse ablegt, das immer noch kein automatisches Licht im Garten hat. 

Es ist sechs Uhr. Vor einem Jahr wären die Lichter des Club nun angegangen und Nadja wäre ähnlich durchgeschwitzt aber zumindest euphorisiert nachhause gegangen. 

In: kaz. – 09/2020

menschen treffend : willi

Vor einer halben Stunde hat er seinen Text schnell noch in die Redaktion geschickt, nun steht er schon am Seeufer in seiner Männerrunde und stößt mit dem ersten Glas Wein an. Regelmäßig wird Willi zu Vernissagen, Eröffnungen und Events eingeladen, nur mehr selten nimmt er diese Einladungen auch an. Es sind die Menschen, viele von ihnen will er nicht sehen, nicht diese Anhäufung von sozialer Interaktion, die irgendwann unüberschaubar wird und sich vom ständigen Smalltalk nie wegbewegt.

In seiner oberen Zahnreihe hängt noch ein Stück Fleisch, vom Salamibrot, das er gegessen hat, während er den Artikel, also seine Besprechung zu einer Ausstellung schrieb. Es wurde ein absoluter Verriss, noch immer kocht in ihm das Blut, in tatsächlicher Raserei hämmerte er seine Verwunderung über eine derart schlechte Kunstausstellung in der, in seinen Augen, ohnehin miserablen Galerie. Von seiner Meinung konnte ihn auch die, in seiner Wahrnehmung, völlig überengagierte Galeristin nichts ändern, die ihn vollquatschte, während er nur in aller Ruhe durch die Galerieräume schreiten wollte. Das machte er dann auch, allein, aber hastig, um nicht noch weitere Worte mit einer der Verantwortlichen sprechen zu müssen. Starke Frauen in seinem Alter machen ihm Angst, würde er so nicht zugeben, auch nicht an sich bemerken. 

Erst beim dritten Glas Wein bemerkt er, dass ihm etwas zwischen den Zähnen hängt und mangels Zahnstocher (ärgerlich!) versucht er das Undefinierbare mit seinen ungepflegten Fingernägeln loszuwerden. 

Die Gespräche am See sind heute eher seicht, denkt er sich, denkt er sich tatsächlich und muss kurz schmunzeln, obwohl er sonst einen ernsten Ausdruck auf seinem Gesicht trägt und nur gequält zum Lächeln zu bringen ist. Manche würden ihn humorlos nennen, aber Willi meint, wer in solchen Kategorien denkt, glaubt auch, dass Spaß ein Bestandteil des Lebens ist. Andere nennen ihn phantasielos, dem würde er jedoch strikt widersprechen, denn an Vorstellungskraft fehlt es ihm nicht. Ihm ist eher alles zu eindimensional, so so so, also nicht so kosmisch, wie er es gern hat. Kosmisch – ein Lieblingswort von Willi, das er gerne in Konversationen einstreut um den höheren Charakter von Dingen zu beschreiben. Das macht er gerade auch und alle hängen an seinen Lippen. Willi hört natürlich weniger gerne zu als selbst zu sprechen, sich selbst sprechen zu hören. Man könnte in Frage stellen, ob es daran liegt, dass er soviel zu erzählen hat, dafür ist Willi doch zu schmallippig. Oder ob es nicht vielmehr daran liegt, dass er aufgrund seines Journalistenhobbys eine Begehrlichkeit weckt und eine gewisse Macht ausstrahlt. Es ist natürlich nicht wirklich ein Hobby, er bekommt selbstredend ein Honorar für seine Texte auf der Kulturseite der lokal meistgelesenen Zeitung, aber für die Berufsbezeichnung Journalist fehlt es ihm doch an der Regelmäßigkeit, auch am Ethos. Sein wirkliches Hobby ist es, unter einem Pseudonym in den Diskussionsforen diverser Zeitungen mit anderen Usern zu argumentieren und auf deren Rechtschreibfehler hinzuweisen. Seine Waffen in diesem täglichen Kampf sind ein Duden aus den 80er Jahren zur deutschen Rechtschreibung und Georg Buchmanns „Geflügelte Worte“, ein Standardwerk. Beides liegt auf seinem Schreibtisch in seinem Arbeits- respektive Computerzimmer immer griffbereit. Hinter ihm reihen sich im Bücherregel die Gesamtausgaben von Goethe, Schiller oder auch modernen (sic!) Autoren wie Martin Walser und Günther Grass aneinander, alles gut sichtbar und geordnet. Und natürlich steht da noch viel mehr herum, was man gelesen haben muss, also was allgemein als Kanon anerkannt ist. Aber dort in seinem Bücherregal gibt es auch diverse Bücher, die er geschenkt bekommen hat, manche von den AutorInnen selbst, teilweise sind sie noch eingepackt. Er kann ja nicht alles lesen, dafür fehlt ihm die Zeit, oder anders: dafür ist ihm seine Zeit zu kostbar. Wenn Willi ehrlich wäre, würde er zugeben, dass er selbst im „Mann ohne Eigenschaften“ einen Großteil überblättert hat. Gerade soviel lesen, dass man eine Ahnung hat, nur soviel reinlesen, dass man daraus zitieren kann. Willi zitiert gern, damit zeigt er seine Intellektualität. 

Beim fünften Glas Wein ist das Fleischstück schon etwas kleiner geworden, was gut ist, es kommt mit Nummer 5 allerdings sein unangenehmer, cholerischer Charakter etwas heraus, der aber naturgemäß weiter akzeptiert wird, weil sowieso alle schon auf seinem Niveau sind. Damit werden die Gespräche auch nicht mehr interessanter, die Verhaltensweisen auch nicht edler. Es fallen anzügliche Bemerkungen über die junge Kellnerin, die gerade die Tische abwischt. Willi hält sich zurück, er schaut zwar auch gerne jungen Frauen hinterher, ist aber doch so kultiviert, das gut zu kaschieren. Auch seine Rülpser werden nicht bemerkt. 

Die Männerrunde beginnt beim sechsten Glas zu singen, Willi grummelt eher mit, während die anderen lauthals tönen, das ist Willi unangenehm, peinlich berührt sieht er sich um. 

Dann noch ein siebtes Glas, zum Abschluss, dann aber …

Bald wird er die Runde verlassen haben und in seinem Mercedes Benz nachhause gefahren sein. Niemand wird ihn aufgehalten haben. Dort wird er sich vor seinen Schreibtisch gesetzt und für fünf traurige Minuten einen kurzen Pornoclip angeschaut haben, während er mit einer Büroklammer endlich das Fleischstück aus seinen Zähnen entfernt haben wird. 

menschen treffend : thomas

„Ich bin Anwalt“, das wäre der Satz, den Thomas jetzt gerne sagen würde, aber das ist er nunmal nicht. Anwalt ist Thomas leider nicht geworden, obwohl sein Vater sich das gewünscht hätte. Thomas ist Webdesigner, arbeitet in einer Grafikagentur, viel am Computer. Hinter Bildschirmen versteckte er sich immer schon gern, was ihm mit Ende Dreißig nun regelmäßig Rückenschmerzen verursacht. Schon als Teenager hing er ständig vorm Fernseher, an der Spielkonsole und verbrachte einen großen Teil seiner Freizeit damit, sich als Held durch digitale Welten zu bewegen. Wenn er nicht gerade im Haushalt mithelfen musste oder auf eine seiner drei Geschwister aufpassen. 

In der engen Wohnung kam man sich natürlich auch dauernd in die Quere, ungestört war er selten, unzählige Male wurden seine Spielstände gelöscht oder eine seiner Gaming-CDs zerkratzt und zerstört. Er hätte natürlich rausgehen können, wie alle anderen auf den Spielplatz der Wohnsiedlung, mit den anderen Kindern spielen, aber da hätten keine Freunde auf ihn gewartet. Auch in der Schule war er ein Einzelgänger, obwohl sich seine Volksschullehrerin sehr bemühte, dass er Freunde findet. Dieselbe Lehrerin, die ihm dann bei jeder Streitigkeit die Schuld gab, wenn er, nachdem die anderen Jungs ihn wieder mal verarscht hatten, erneut eine Rauferei begonnen hatte, was so eigentlich gar nicht stimmte. Das war unfair, klar, fühlte sich für ihn so an, ja, aber oft war er auch verunsichert, ob er nicht doch einfach aggressiver als die Anderen sei, vor allem nachdem er zu einer Kinderpsychologin geschickt wurde. Die Lösung war, dass er sich von den Anderen fernhielt und nach der Schule sofort nachhause ging. Zum zehnten Geburtstag bekam er dann eine NES (Nintendo Entertainment System) geschenkt, seine Eltern wollten ihn aufheitern, weil er so traurig wirkte, so pixelig fing seine Computerspiel-Leidenschaft an. 

Die Jahre vergingen, die Spielkonsolen wurden immer besser, regelmäßig gab es ein Upgrade, Thomas hatte immer das aktuellste Gerät. Seine sozialen Kontakte wurden allerdings nicht besser, auch im Gymnasium, auf das er es aufgrund seiner guten Noten und trotz der Empfehlung seiner Volksschullehrerin doch eine Hauptschule zu besuchen, geschafft hatte, blieb er der Außenseiter. Innerhalb der Klassengemeinschaft war er kaum gefragt, außer im Turnunterricht, wo er einer der sportlichsten war, weil er dort seinen Bewegungsdrang zweimal die Woche dann gebündelt ausleben konnte. Im Turnunterricht fühlte er sich gut und beliebt, das genoss er, gerade weil es danach wieder schwierig wurde. Wenn etwas in der Klasse verschwand, wurde er verdächtigt. Wenn etwas kaputt ging, schob man ihm die Schuld zu. Und erneut war es bei Raufereien immer Thomas, der den Klassenbucheintrag bekam. Zurecht fragte Thomas sich, warum letztlich immer er der Schuldige sein sollte, wo doch gerade er ständig außen vor stand. Und die meiste Zeit beobachtete, welchen Spaß die anderen hatten, welche Pläne die anderen fürs Wochenende ausmachten, irgendwann welche Partys ohne ihn stattfanden. Nur Manuela, die neben ihm saß und mit der er sich ganz gut verstand und über Comics und Computerspiele reden konnte, war ebenfalls nie eingeladen. Aber auch Manuela traf er nie außerhalb der Schule. Während die anderen herumknutschten, saß er zuhause, vor seiner Konsole, bis er diese – genauso wie die Schule – für eine Zeit hinter sich ließ.

Nach der Matura ging er für ein Jahr nach Graz um seinen Zivildienst zu machen, im Altenheim war er beliebt, weil er immer so freundlich und sozial sei, bekam er bestätigt, was er wohl in seiner Großfamilie gelernt habe, wie ihm gesagt wurde, im gleichen Atemzug wie ihm die Senioren und Seniorinnen die seltsamsten Spitznamen gaben und ihn ständig betatschten. 

Nach dem Zivildienst kehrte er wieder zurück in seine Heimatstadt, das Ausgehen in die Bars der Stadt hatte er nie genießen können und er hatte es leid, ständig nach Drogen gefragt zu werden, wenn er durch den Park spazierte.

Zurückgekehrt bekam er einen Job in einer Hosting Firma, die Konkurs ging, wurde aber glücklicherweise von der Grafikagentur übernommen, die ihn auch gleich eine Ausbildung bot, allerdings eher nach dem Motto learning by doing. Er hat schnell gelernt und seine Arbeit wird geschätzt. Das erste Mal fühlte er sich angenommen, als vollwertiger Teil dieser Firma, nicht wie jemand, der nirgends reinpasst und mit niemandem zurecht kommt. 

Genau deswegen arbeitet er dort immer noch, wie er dem Polizisten jetzt schon mehrmals erklärt hat. Nicht dass Thomas wüsste, was den Polizisten das angeht, deswegen hätte er ja gerne einen Anwalt, aber das gibt es so wohl auch nur in Filmen. 

Dass er während der Amtshandlung zunehmend ungehalten wurde, lag nur daran, dass er und sein Auto auch noch durchsucht wurden, als ob es etwas Spannendes zu finden gäbe. Dass er vorhin auf der Wache schrie, lag an der ungeklärten Situation, weil niemand konkrete Aussagen machte, wann er endlich heim darf. Er hat doch schon zugegeben, dass er mit seinen Kollegen wohl ein Bier zuviel getrunken und seine Alkoholisierung unterschätzt hat. Er hätte nicht ins Auto steigen sollen, das war natürlich dumm, aber 0,7 Promille sind auch kein Vollrausch. Führerschein ist wahrscheinlich erst mal weg, scheiße! Strafe soll sein, ja! Aber Thomas will endlich nachhause. Und jetzt behandelt man ihn wie einen Schwerverbrecher. Das regt ihn auf, gleichzeitig ist er erschöpft.

Thomas sinkt auf dem Stuhl in der Wache zusammen. Müde blickt er auf seine Hände, dreht sie langsam hin und her – betrachtet die hellen Innenflächen seiner Hand und den dunkelbraunen Rest seiner Haut.