menschen treffend: sepp

Ganz Seltsam steht er plötzlich da. Zuvor schon hatte ein außergewöhnlich aggressives Bellen eines Vierbeiners sein Erscheinen angekündigt. Sepps Auftritt durch das Gartentor, aus dem Garten, der natürlich von einem hohen Zaun umgrenzt ist, wirkte dagegen eher banal. Schließlich ist Sepp auch nicht mehr der jüngste, mit grauem Haar, auch wenn er sich noch auf seinen zwei Beinen hält und sich gleich zu seiner ganzen Größe aufbauen und loskläffen muss. Das hat er wohl von seinem Hund gelernt – oder umgekehrt.
Der Autofahrer hatte nicht geahnt, dass ein kurzes Halten in der doch wirklich sehr engen Straße, die fast direkt am See entlangführt, gleich einen seppschen Tobsuchtsanfall hervorrufen würde, schließlich konnte er nicht wissen, dass in dieser Ruhe des Sees solche Schreihälse ihr Heim errichten. Der Autofahrer hatte doch tatsächlich, weil er sich verfahren hatte, direkt vor dem Haus von Sepp angehalten, die unzähligen Verbotsschilder zwar sehend aber einfach auch nicht weiterwissend. Und keine zwei Minuten mit dem Auto stehend und sich umschauend, steht da plötzlich Sepp, das Gekläffe in seinem Rücken. Sepp muss an diesem Sonntag vormittag also extra seine aktuelle Betätigung unterbrochen haben, da noch winterlich, einen warmen Pullover übergezogen und seine Stiefel angezogen haben, um durch seinen Garten vor sein Gartentor zu schreiten um den Autofahrer schreiend mitzuteilen, dass hier, vor Sepps Haus, ein absolutes Park- und natürlich auch ein Halteverbot herrsche. Das ist nämlich Sepps kleines Reich, in Sicht- und eigentlich auch tatsächlicher Reichweite des Sees, in dieser schmalen Straße, die fast direkt am See entlangführt., wo Sepp auf seinem Grund steht und beharrt. Nun hat nur leider auch der Autofahrer für höchstens 2 Minuten aus einem verständlichen Grund, der schnell erklärt wäre, kurz gehalten und stand also ebenso nicht nur mit dem Fahrzeug sondern auch mit den Beinen auf diesem schmalen Grund vor dem Haus des Sepp, ein Grundstreifen, der fast wie eine Erweiterung der sehr schmalen Straße wirkt. Der Autofahrer will natürlich etwas sagen, aber der Sepp ist schnell in Rage, und so steigt der Autofahrer wieder ein und will weiterfahren. Aber das kann so ein Sepp natürlich nicht zulassen, wo wäre er denn da. Und so reißt Sepp, wohl merkend, dass am Rücksitz auch ein kleines Kind sitzt, das mit seinem autofahrenden Vater eigentlich eine Geburtstagsparty gesucht hatte, aber sich mit seinem Vater mitverfahren hatte, die Fahrertür des Autos auf und schnaubt ins Fahrzeuginnere. Corona, Corona, denkt sich der autofahrende Vater, aber Sepp scheint ohnehin ein Typ, der keine Angst vor einem Virus hat und auch nicht zögern würde, ihn weiterzugeben. Der Autofahrer könnte mit seinem Auto und seinem Kind schon längst weiterfahren, aber der alte Sepp hängt in der Tür, doch dann schafft der Autofahrer es doch, die Tür zu schließen und das Auto zu starten um von diesem durch und durch rasenden Temperament von Sepp davon zu fahren. Wütend, aber auch ein wenig stolz steht Sepp dann noch da, nach gewonnener Schlacht vorm Gartenzaun, und dann schlendert Sepp wieder auf seinen Grund und Boden. 


Das ist also aus dem alten Sepp geworden: Ein alter, noch immer wütender Gartenzwergnazi, könnte man feststellen. Typisch.
Man mag sagen, bekannt ist Sepp aus anderen Gründen, aber was sich vor dem Haus abspielte, ist schon auch bezeichnend für Sepp, man kennt ihn nicht anders. Angriffig, untergriffig, ein reinrassiger Köter, der ruhig sitzt und dann plötzlich zuschnappt. Chefideologe wird er genannt, Ideologe einer Partei, die auf die niedersten Instinkte und die einfachsten Erklärungen setzt. Als solcher läuft er nun schon jahrzehntelang schnappatmend herum, philosophierend über Überfremdung und nationale Gefühle. Doch nicht nur als richtiger Idiologe sondern auch als Politiker war er lange im Einsatz, neben seiner Tätigkeit als Verleger und Journalist, wenn man das so nennen kann, wo er seine kruden Weltsichten in Artikeln unter falschem Namen und Meinungsspalten schon mit einer Agenda unters Volk brachte als das Wort Fake News noch gar nicht in aller Munde war., die Grenzen des Sagbaren und auch die Grenzen des Verbotsgesetzes gerne auslotend. Sepp ist natürlich ein Deutschnationaler, gestützt durch Verbindungen, der den sehnsüchtigen Traum vom großdeutschen, volksgemeinschaftlich geschlossenen und abstammungsgemäß reinen Hoheitsgebiet nicht nur nie aufgeben will sondern sich auch ständig aktiv darum bemüht, andere zu finden, die ähnlich wie er fühlen. Sepp hält sich gern im eng umschlungenen Männerkreis auf, aber natürlich streng heterologisch. 
Sepp ist auch Autor, er schreibt Bücher mit seinen vielen Gedanken, wie er die Welt sieht, und wie ihm die Welt so nicht gefällt und deshalb hat er Vorschläge, wie das – für ihn und seinesgleichen – besser laufen könnte. Sepp schlägt auch gern nach, in historischen Wälzern und Zeitgeschichten. Wenn Sepp heute immer noch vom „Establishment“ spricht, das auf ihn, den aufrechten Nationalen eine Jagd betreibe, klingt der alte Sepp wie ein trotziger Teenager, der sich gegen die Welt auflehnen will, fest stehend auf seinen Werten und die antiquierten Worte ausspuckend, die ihm zur Verfügung stehen. 
Sepp ist besonders Dichter, seine angestaubte…. seine angestaute Poesie muss in die Welt, denkt er, und auch auf seine Dichtung kann man sich einen Reim machen, einen unzensurierten Blick in seine tiefe Seele machen, wagen, wagemutig. Sepps Lieblingsvorsilbe ist im übrigen „Un“, auch sie begleitet ihn schon durch sein ganzes Leben, treu, wie kaum etwas anderes. Unglaublich, ist aber so. Sepp, der Un-, ein absoluter Un-, eigentlich ein unmöglicher Mensch. 
Wo hat sich Sepp bloß verirrt? In seinen Blätterwald. In seine Ideen. In sich und in sein eigenes, kleines, hochumzäuntes Reich, das Tradition genauso laut schreit wie Besitzstörung, am dunklen See, im Anblick des rauen Berges.
Jetzt, an diesem Sonntag Morgen, betritt Sepp nun wieder sein Haus, wissend, dass sein Besitz nun aktuell wieder nicht bedroht ist, kein Autofahrer in Sicht, nur diese enge, sehr sehr enge Straße, die zu seinem Haus führt. 
Und da ist dieser Geruch, der, wenn Sepp an sich herabschauen würde, nur von dieser Masse an seinen Schuhen herrühren kann, einer braunen, stinkenden, unglaublich großen Menge an Scheiße, die an ihm klebt. 

menschen treffend: gerda

Gerda hätte es nicht mitbekommen sollen, es war nicht für ihre Ohren bestimmt, das lockere Gespräch zwischen zwei ihrer Kollegen in einer kurzen Kaffeepause, in das sie, auch einen Kaffee holen wollend, zufälligerweise hinein stolperte. Gerade wurden die Gehälter in der Firma angehoben, allerdings unter der aktuellen Inflation, da es der Firma im Moment nicht so gut gehe. Und darüber unterhielten sich die zwei Männer, echauffierten sie sich, stehend, aufgebracht, Kaffee trinkend, in der Kaffeeküche. Über Geld wird allgemein nicht so gerne gesprochen, eigentlich gar nicht, folglich auch nicht übers Gehalt. Aber durch das Gespräch der zwei konnte Gerda den Betrag aufschnappen, den ihr Kollege Monat für Monat, vierzehnmal im Jahr gezahlt bekommt. Und dieser Betrag lag über zehn Prozent über ihrem Gehalt. Jetzt muss man wissen, dass Gerda und ihr Kollege am gleichen Tag in die Firma eingestiegen sind, eine ähnliche Ausbildung haben, sogar eine ähnliche Berufserfahrung, denn ihr Kollege ist um gut 20 Jahre jünger und fast direkt nach seinem Studium bei der Firma angestellt worden. 
Gerda hat den Inhalt des Gesprächs still aufgenommen, hat sich einen Kaffee eingeschenkt und ist zu ihrem Arbeitsplatz zurückgegangen um dort in aller Ruhe den tatsächlichen Unterschied zwischen dem Gehalt des Kollegen und ihrem Gehalt auszurechnen. 12,7 Prozent. 12,7 Prozent! 12,7! Prozent! Das sind 46 Tage, die sie im Jahr unbezahlt arbeitet, in Relation zu ihrem Kollegen, oder anders gerechnet: Jedes 8. Jahr arbeitet Gerda gratis. 
Und warum? Es gibt keine Grundlage dafür. Wenn, dann sollte sie mehr verdienen als ihr Kollege, schließlich steht sie nicht den halben Tag in der Kaffeeküche, startet ihre Arbeitstage nicht mit ausführlichen Gesprächen über „das gestrige Spiel“. Das könnte sie jetzt auch ausrechnen, wieviele Minuten ihr Kollege, ihren Kollegen täglich weniger arbeiten als sie, aber sie begnügt sich damit es zu schätzen: 32.
Gerda erinnert sich an das Einstellungsgespräch und die Frage, die sie damals schon kurz irritierte, nun aber, an ihrem Arbeitsplatz sitzend, ihr nochmal zu denken gibt. Es war die Frage: Ob sie Kinder habe, wie alt sie denn seien und ob sie vorhabe noch ein Kind zu bekommen. Das geht ja eigentlich niemanden was an, denkt Gerda jetzt, aber im damaligen Moment interpretierte sie das eher als familiäre Atmosphäre, ein lockeres Gespräch. Jetzt denkt sie, dass sie den Job wahrscheinlich nur bekommen hatte, weil sie klar verneinen konnte, nochmal Kinder zu bekommen und ihre Kinder schon alt genug waren. Krankenstände, Pflegeurlaube, schulferienbedingte Abwesenheiten waren also keine Bedrohung mehr für einen Arbeitgeber, der daran interessiert ist, dass diejenigen, denen er Arbeit gibt, auch verlässlich sind. 
Gerda ist relativ früh Mutter geworden, was ihr auch oft genug gesagt wurde. „Gerda, du hast die Kinder einfach zu früh bekommen.“ Oder im falschen Moment – aber das ist natürlich ein Blödsinn. Was soll das denn heißen. 
Besser sei, wurde Gerda gesagt, zuerst Karriere machen und dann, wenn man im Job einen festen Stand hat, schwanger zu werden, am besten so, dass die Mutterzeit nicht in die stressigste Zeit am Arbeitsplatz fällt, und dann relativ schnell wieder an diesen Arbeitsplatz zurückzukehren, bevor jemand anderes einen abkömmlich macht. 
Gerda hatte sich damals anders entschieden, gegen eine Abtreibung und damit ganz klar auch gegen die große Karriere. Sie hatte sich für ihre Kinder entschieden, denn – und das ist auch heute noch ihre Überzeugung – letztlich wird am Ende ihres Lebens nicht ihr Vermögen entscheidend sein sondern nur die Frage, ob sie ein schönes Leben hatte. Das könnte sie bejahen, die Zeit als die Kinder noch klein waren, hatte sie sehr genossen, auch wenn sie beobachtete, wie Freundinnen an den Wochenenden fortgingen und scheinbar Spaß hatten, in ihren Augen vielleicht aber auch nur den Stress von der Arbeit wegtranken. 
Als die Kinder dann in die Schule kamen, wollte Gerda damals wieder in ihren alten Beruf einsteigen, ihre Buchhalterinnen-Tätigkeit hatte sie gelernt und machte ihr eigentlich auch Spaß. Der Wiedereinstieg war allerdings schwierig. Ihr Mann hatte zu Gerda gesagt, dass sie eigentlich nicht arbeiten müsste, er verdiene ohnedies für mehr als zwei. Gerda wollte aber arbeiten, selbst Geld verdienen. So hatte Gerda als Kellnerin angefangen, kurz in einem Supermarkt an der Kassa gearbeitet, dann als Kanzleiangestellte oder besser gesagt Sekretärin. Erst vor drei Jahren hatte sie dann diesen Job gefunden, ganz klassisch in einer Zeitung ausgeschrieben, hatte sich beworben und sie hätte sich eigentlich vorstellen können, hier auch zu arbeiten.
Sie ist nicht nur verblüfft, sondern auch völlig vor den Kopf gestoßen, dass sie tatsächlich weniger verdiente als ihr Kollege, der eigentlich auch ihr Sohn sein könnte. Weil er Anzüge trägt? Weil er im Stehen pisst? Weil der Small Talk mit ihm einfach lustig ist und seine Art so schön locker? Oder einfach nur, weil selbst im Jahr 2022 das Geschlecht immer noch reicht um als Mann 12,7 Prozent mehr zu verdienen als weibliche Angestellte. Gerda hätte es nicht geglaubt, aber so ist es. 
Gerda steckt den Taschenrechner in ihren Rucksack, fährt den Computer runter, stellt den Stuhl zum Tisch und macht sich auf den Weg zu ihrem Vorgesetzten. Sie wird ihn allerdings nicht fragen, warum ihr männlicher Kollege, der am gleichen Tag in die Firma eingestiegen war, eine ähnliche Ausbildung hat, auch nicht mehr Berufserfahrung aufweisen kann, um mehr als 20 Jahre jünger ist als sie und eigentlich ihr Sohn sein könnte, um 12,7 Prozent mehr als sie gezahlt bekommt, und das obwohl er durchschnittlich 36 (das hat sie doch noch ausgerechnet) Minuten seiner Arbeitszeit mit überflüssigen Gesprächen verbringt, sondern Gerda geht zu ihm um auf der Stelle zu kündigen, soviel ist sie sich wert. 

menschen treffend: alex

Und dann ist er einfach weg und mit ihm die Möglichkeit sich jemals wieder zu sehen. Was für eine Dimension, dieses „nie mehr“. Und es geht aber in Gedanken gar nicht darum, was „nie mehr“ möglich sein wird, sondern es geht nur darum, was man nie gemacht hat. Und man hat was verpasst und das ist nicht mehr herstellbar. Und der Verlust heißt nun eigentlich etwas, das man nie hatte. Und man denkt, wäre man doch die eine Stunde länger geblieben. Hätte man sich doch den Moment mehr Zeit gelassen, wäre nicht weggehetzt. Es wäre möglich gewesen, aber nicht nur Distanz trennt, sondern auch Termine. Wäre man doch zurückgekehrt, hätte man sich doch bloß umgedreht und gesagt: „Ach, was. Bleiben wir doch noch zusammen.“ Du hättest es angeboten gehabt, nicht nur einmal, noch etwas zu essen oder zu trinken. Die Einladung war wie die Verabschiedung herzlich, wie es auch schon die Begrüßung war. Offene Arme im offenen Haus. Hier herrscht die Gedankenfreiheit mit der Kunstfreiheit. Alex hat was geschaffen und eingeladen daran Teil zu nehmen, hat einen Ort erfunden, der mehr als das war, und ihn geöffnet. Und er hat Bilder geschaffen und hat immer schon Räume geschaffen, in die man sich reindenken konnte. Und dann ist er in einem völlig unglaublichen Zustand.
Und dann liegt er einfach nur noch da. Und man steht und versteht es nicht. Und die Bilder reihen sich aneinander und selbst da entstehen neue Bilder. Und ich frage mich, habe ich jemals „Dankeschön“ gesagt und formuliere „Entschuldigung“. Und eigentlich weiß man gar nicht, was man sagen sollte und was man noch sagen kann. Und weiß nur, was man nicht gesagt hat. Und weiß nicht, ob er wusste, wie man ihn schätzte, wie sehr ich ihn schätzte, wie oder ob da zwischen uns nur die Auseinandersetzungen blieben von zwei Menschen, die eigentlich etwas Ähnliches wollten und auf ihre Art kämpften. Wir hätten uns öfter treffen sollen und weiß, dass daraus viel entstanden wäre. Noch mindestens ein Bier hätte es sein müssen, in einem Raum, den Alex geöffnet hat. Aber das ist schon nicht mehr denkbar.
Und man erinnert sich zurück an die ersten Begegnungen mit Alex, wie er in einem Moment hinter der Bar und im nächsten schon auf der Bühne stand und nur kurz darauf mit dem Hammer in der Hand mit dem Bau einer riesigen Bretterwand beschäftigt war. Das war er, und noch viel mehr. Da war das Lachen und das Lächeln und die Art des Sprechens, das ein Denken wie auch ein Bedenken zeigte. „Sanft“ fällt mir ein und „bedacht“ und dass Axel immer schon einen Schritt weiter war, wenn man ihn traf.
Man wird Alex nicht gerecht, wenn man ihn treffend und abschließend darstellen soll. Doch viele bemühen sich darum und das ist Teil der Beschreibung. Und viele können es, weil er sie einander vorgestellt hat. Es bleibt mehr als die Erinnerung daran.

menschen treffend: michael

„Schon wieder Faschismus! Schon wieder Faschismus!“ schreit Michael laut in die Welt. Schon wieder diese Wut. Michael wirkt fast aggressiv und das ist etwas, das er so gar nicht an sich mag, so ist er eigentlich nicht. So ist er nicht. Denkt er. Sein hagerer Körperbau, das sanfte Lächeln, der Pferdeschwanz, der seine blonden Haare zusammenhält, die wehende Kleidung, die ihn umhüllt, sein ganzes Erscheinungsbild zeigt das. Es gibt Menschen, mit denen er sich auch metaphysisch verbunden fühlt, die in ihm und seiner Softheit (You know, die feminine Seite) eher eine Art Jesusfigur sehen. Naturverbunden, open-minded, aufnahmefähig für das Spirituelle, das alle Lebewesen umgibt. Das war nicht immer so, er war ein schwieriger Jugendlicher, starker Kiffer, gewalttätig, aber mit seiner Vergangenheit hat er sich ebenso versöhnt wie mit allen, die er verletzt hat. Das liegt hinter ihm und vor ihm liegt nur offen das totale Jetzt, in dem er in jeden neuen Tag hineinlebt. 
Michael ist übrigens Musiker, das heißt, er verdient seinen Lebensunterhalt – er braucht ja nicht viel – mit seiner Musik, seinem Instrument, der Querflöte, oder mit Trommel-Workshops, die er an seinem geerbten Bauernhof in sommerlichen Vollmondnächten beim Lagerfeuer gibt. Äußerst privilegiert, dass er sein Leben so leben kann. 
Michael steht übrigens am Heldenplatz, 5.000 Menschen waren bei der Demonstration angekündigt, von den üblichen Verdächtigen, also den Mainstream-Medien, aber es sind sicher mehr, wahrscheinlich 30.000, die Veranstalter sprechen schon von 100.000, auf jeden Fall sehr viele. Und Michael wollte sich das mal anschauen, ist dafür – und um seine Freunde wieder zu treffen – extra aus Kärnten angereist, und ist mittlerweile schon mittendrin, in dieser schönen Vielfalt von Menschen. Ein erhebendes Zusammenkommen von Individuen, die die Dinge ähnlich sehen, wie er, Michael, man kann ruhig „Du“ sagen. Und schon ist er Teil dieser vielen Menschen, die für ihre Freiheit auf die Strasse gehen, es geht gegen die Maßnahmen der Regierung, die mit Zwang sein Leben einschränken wollen, also mit Kontaktbeschränkungen und der Verpflichtung sich zu impfen. Maulkörbe soll man ständig anlegen, nicht anderes sind diese FFP2-Masken. Das geht zu weit. Es herrscht nämlich, laut Michael, nicht die Pandemie, sondern eine Unkultur, die bald in Faschismus abzugleiten droht. Es geht nicht darum „Wellen“ zu brechen, sondern die Menschen an sich, davon ist Michael überzeugt. Dagegen wird versammelt und marschiert, an diesem schönen Samstag, die Sonne zeigt sich, wie ein Zeichen. 
In der ersten Reihe stehen die Rechtsextremen, aber Michael hat sich davon schnell distanziert, er läuft ein paar hundert Meter weiter hinten mit seinem Schild auf dem einfach nur „Come Together“ steht, Beatles-Zitat, aber so so passend, gerade in unserer Zeit. Das Schild zeigt, dass er sich doch etwas vorbereitet hat. Auf seiner Jacke prangt ein Davidstern mit dem Schriftzug „ungeimpft“,  hat er vorhin von einem freundlichen Mitvierziger geschenkt bekommen, auch wenn er das in dieser Kombination nicht ganz gutheißt, trägt er ihn doch aus Solidarität für die Opfer des nationalsozialistischen Regimes, das soviele Opfer forderte. Und geht den Weg mit, über die Ringstraße Richtung zweiter Bezirk. Und Michael hat seine Trommel dabei, für die Stimmung, für den Spirit, damit man sich gemeinsam einschwingen kann auf diesem wichtigen Weg. Ganz klar und offen und demokratisch natürlich gegen die totalitären Maßnahmen einer Marionetten-Regierung, die längst schon von woanders gelenkt wird. 
Als er von einem Reporter angesprochen wird, lächelt er freundlich in die Kamera. „Wer weiß das schon? Weißt du es? Man hört ja einiges, wenn man auf den richtigen Kanälen unterwegs ist. Ich würde mich nicht festlegen wollen, ob es die Bilderberger, die Freimaurer oder eine andere Elite ist. Ich weiß nur, die Liebe wird siegen, denn wir sind viele.“ 
Das wird natürlich nicht gesendet werden, sowas kommt in den Mainstream-Medien nicht vor. Die Infos, die er hat, erfährt man nur unter der Hand, in der Hand, in den richtigen Channels am Smartphone, im Internet. Da liest man, dass die Impfung eben nicht wirkt und schützt,  von den ganzen Schäden, die diese Impfung anrichtet („Menschen sterben täglich“), ganz logisch, dass die ganzen Folgen noch gar nicht absehbar sind. Ganz ehrlich, Michael sieht all das, was gerade abgeht, repressive Verunsicherung, davon lässt er sich nicht unterdrücken, lieber ist er achtsam, primär sich gegenüber und seiner Umwelt. Michael hat gelernt, dass es unglaublich wichtig ist, auf sich zu schauen, erst von sich kann man ausgehen zu etwas Größerem. Das wirkt. Michael war schon lange nicht mehr krank, zumindest kann er sich nicht daran erinnern, seit er seine Ernährung vollständig vegan gestaltet, auf viel Sonnenlicht und Bewegung setzt und man glaubt gar nicht, wie befreiend und heilend es sein kann, barfuß herumzulaufen, direkt den Kontakt zum Boden zu spüren. Auch dadurch härtet man ab, ganz natürlich. Michael braucht keine Medikamente, auch Globuli nur ganz selten. Wenn es einen doch mal erwischt, sollte man es ausschwitzen, das hilft. Die inneren Kräfte gegen die äußeren aktivieren. „Wenn der Wirt stark ist, hat der Gast keine Chance“ hört man Michael sagen, das gilt auch für einen Virus. Was ist schon ein Virus? Wir sind ja ständig von Viren, von Bakterien und Krankheiten umgeben, das ist alles Teil des kosmischen Organismus, der uns alle verbindet. Eine große gemeinsame Energie, die ihren Ausgleich sucht, wie wie wie … Michael sucht nach dem passenden Bild. Die offiziellen Zahlen sind natürlich zu bezweifeln. Man darf nicht alles glauben, glaubt Michael zutiefst. 
Das alte Wissen gibt ihm Sicherheit. Was die Leute nicht kapieren, ist, dass die Natur immer ihren heilenden Weg findet, sich gegen die Gefahren der Umwelt zu wehren. Nicht umsonst haben die Menschen ein Immunsystem. Und das will trainiert werden. Es geht um die Impfung, natürlich geht es um die Impfung, ein anderes Thema gibt es gerade nicht zu diskutieren, gerade weil jetzt auch noch eine Verpflichtung eingeführt werden soll, sich impfen zu lassen. Mit einem Wirkstoff, der nicht nur unerprobt ist sondern auch tief in den menschlichen Körper, seine DNA eingreift. Wer weiß, wo das hinführt, denkt sich Michael, ob dies nicht der Anfang eines großen Experiments ist, an dessen Ende eine Reduktion der Menschheit oder ein tiefer Eingriff ins Bewußtsein der menschlichen Erscheinungen steht. Doch die Masse tausender Andersdenkender, die wie er anders denken, sind auch eine Chance zur Transformation in eine neue auratische Bewußtseinsstufe. 
„Liebe“, einfach nur „Liebe“ schreit er impulsiv laut aus, spürt er und umarmt den Punk, der am Rand die Kundgebung beobachtet und sich in dem Moment wohl nur „FUCKING HIPPIES“ denkt, während er Michael von sich wegstößt. Trotz all der Liebe will sich keine Verbindung herstellen, aber das kümmert ihn Michael nicht, er dreht sich um, reiht sich wieder ein, in die Demonstration und stimmt munter ein, in diesen Chor, der jetzt skandiert: „Heil. Heil! Heilung!“

menschen treffend: werner

Schon die Einladung war eine Frechheit, die Werner innerlich rasend machte, noch viel mehr, weil er sich nicht dagegen wehren konnte, sie auch anzunehmen, was ihm nicht nur unverständlich war sondern ihn nur noch viel tosender machte.
Wie ein Geist entstieg Werner schließlich dem Zug, der ihn in diese Eisenbahner-Stadt geführt hatte, durchschritt das völlig nichtssagende und auf minimale Verweildauer ausgerichtete kalte Gebäude des Bahnhofs und trat, durch und durch widerwillig eigentlich, auf den Vorplatz, der von Bushaltestellen dominiert wurde … Und von einem, nicht in Stein gemeißelten aber doch in Bronze gegossenen Schaffner als eine Art Skulptur. Solchen unsinnigen Frechheiten der Stadtgestaltung sollte er in Folge noch öfters begegnen, wenn ihm dann Braumeister, Narren und Feuerwehrmänner in den Weg gestellt wurden,  im Versuch von den Prioritäten dieser Stadt, die eigentlich immer noch ein Dorf sein sollte, zu künden. 
Es ist eine lachhafte, eine lächerliche Stadt, war es schon immer. Eine Stadt als dauerhafter schlechter Witz über den nur die zurückgebliebenen, die nie ausgewanderten, die nur selten und dann nur nach Tarvis oder Udine oder höchstens Lignano ausreisenden EinwohnerInnen dieser Stadt noch lachen können, weil sie lachen wollen, weil es in dieser Stadt, die das Lachen schon im Namen trägt, ein streng verordnetes Lachgebot gibt. Werner fand das noch nie witzig, nichts von all dem, was hier traditionell sich verankert hat.  
Diese Stadt ist nur für Menschen erträglich, die nicht mehr als einen Gedanken zu verschwenden in der Lage sind, oder für jene, die nur zu Besuch sind. Wirklich leben kann man hier nicht. Es fehlt am Konzept. Lei-Lei-Leider. Diese Stadt ist nur besoffen erträglich,  was vielleicht auch den überdurchschnittlich hohen Bierkonsum unter den BewohnerInnen erklärt, fügte sich als Satz in die Gedanken von Werner ein, und dass dieser Satz gleichzeitig Übertreibung wie auch Untertreibung war. 
Kaum ein paar Schritte gegangen, schwierige erste Schritte, nachdem Werner schon so lange keinen Fuß mehr in die Strassen dieser Stadt gesetzt hatte, nie mehr setzen wollte, hatte sich Werner selbstredend auch ein erstes Bier geholt. Dann erst ging es weiter. Wo war er? Ach, hier, immer noch hier, in dieser Stadt. 
Wenn man vom Bahnhof geradewegs durch die Innenstadt spaziert, durch die Strassen, über die Brücke, den sogenannten Hauptplatz hinauf, die Befreiungsstrasse entlang und am Gymnasium vorbei bis in den Stadtpark wandert, wird man auf seinem Weg keinerlei Kunst finden. Sämtliche Kunst wurde aus dem Stadtbild entfernt oder nie installiert. Diese Stadt ist bekannt dafür, schon viele renommierte Künstler auf die Müllhalde geschmissen zu haben. Hier werden Künstler vor den Kopf gestoßen, bis sie sich schließlich durch Flucht retten bevor sie umkommen, um nicht mehr wiederzukehren. 
Werner war einer von ihnen und stand nun völlig unverständlich für sich selbst mitten in dieser Stadt. Wie konnte das nur passieren? Vielleicht eine Revanche. Werner hatte sich überreden lassen von der charmanten Einladung eines kunstinteressierten, begeisterten Geistlichen, der ihn zu einer Lesung gebeten hatte. Werner musste zugeben, dass es allein das Geld war, das ihn lockte, das er dringend brauchte. Eigentlich ein Sündenfall, ausgerechnet deswegen wieder in diese Stadt ohne Kultur und vor allem vor sich einzubrechen. Sich wieder diesem nicht nur scheinbaren sondern völlig offensichtlichen Kulturverständnis einer verkerkerten Bildungsanstalt auszuliefern, war ein Graus, der Werner durchfuhr. In dieser Stadt findet Kultur im Keller statt, dorthin ist sie verband als ungeschriebenes Gesetz, während das Kulturamt wiederum im Schloss residiert und sich aufspielt. Im Schloss wird die Kultur dirigiert, wie von jemanden, der vorm Schlafengehen mit seiner Zahnbürste ein fiktives Orchester in Aufruhr versetzt. Spiele, Spiele, Gastspiele spielen sich hier ab, Spielereien, die aus dem Katalog ausgesucht wurden, wie billige Unterwäsche beim Versandhändler.  Beamtenmentalität statt Genialität. Völlige Inspirationslosigkeit. Oftmalige Tatenlosigkeit. Gähnender Stillstand, zum Leerstand, der in dieser Stadt ohnehin allgegenwärtig ist. 
Ich darf mich nicht aufregen, dachte sich Werner, man darf sich nicht immer aufregen, erregen lassen vom Unbedeutenden, vielmehr muss man den Blick ab- und dorthin wenden, wo tatsächlich noch was passiert, überall nur nicht hier. Wahrscheinlich auch eine Übertreibung, aber Werner wollte doch nichts beschönigen. Schon gar nicht, dass  diese Stadt einmal im Jahr, in der Werner nun schon vielzuviele Schritte gegangen war, zum Rummelplatz gemacht wird, der die ganze Stadt einnimmt und alles in in Bierseligkeit überschwemmt. Ein Taumel, eine Taumelei. Eine Stadt als einziger Marketinggag. Das ist ihr Kapital, eine angeheiterter Trachtenkitsch, der zu den Blumen und Schmetterlingen und Bilderrahmen, die den Blick nach oben mit Plunder verstellen, passt. Jajaja, klar, Werbeversessenheit aber Geschichtsvergessenheit, hier, wo das Gedenken in Seitengassen abgeschoben wurde, wo es seither im Regen stehengelassen wird. 
Oberfläche, Oberfläche und nichts darunter, dachte sich Werner, zubetoniert und zugepflastert, Plätze, die aus Grabsteinen bestehen. Dem größten Philosophen der Stadt, ein Philosoph von Weltrang, von Bedeutung, hat man den kleinsten Platz gewidmet, der nicht mal ein Platz ist. Respektlosigkeit. Respektlosigkeiten, wohin man auch schaut. Auch Werner wurde aus Verlegenheit eine Strasse gewidmet, irgendwo auf einem Feld, auf dem eine Baukasten-Einfamilienhaus-Siedlung errichtet wurde, eine Erschließungsstrasse, er hat sie noch nicht gesehen, er könnte es nicht ertragen. Und seine Strasse, die kleine Strasse, in der er aufgewachsen war, trägt immer noch den Namen eines Nazi-Dichters. Werner merkte, er hatte immer noch eine Rechnung offen, seine Abrechnung mit den Zuständen in dieser Stadt ist noch nicht abgeschlossen. Schreibt sich „Grenzenlos“ auf die Fahnen und blickt nicht über den eigenen Tellerrand, notierte sich Werner, völlig kleinlich und kleingeistig alles. Das furchtbarste Klima, das man – trotz Südlage – überhaupt haben kann, stinkend und verlogen – und als er das noch dachte, war er schon dort angekommen, wo er in zwei Stunden für eine handvoll Kulturinteressierte lesen sollte, was er auch brav vollzog und dann sich, Salamibrote ausschlagend aber nach ein paar Bier, wieder aus dem Staub machte, aus dem ganzen Dreck floh, der ständig wieder neu aufgeputzt wird. Dann war Werner weg, danach war er endgültig weg, für immer. Er ist wohl mit der Welt zerfallen, aber war zeitlebens in seiner Raserei schwer aufzuhalten.