menschen treffend: manuel

Auch das kann Karriere sein, wenn man mit Mitte Dreißig einen einfachen Job hat, wichtige Aufgaben und einen mindestens ebenso großen Verantwortungsbereich. Nachdem das mit der Schule nicht so klappen wollte, hatte Manuel sich lange mit kleinen Jobs über Wasser gehalten, Beschäftigungen, die er sich selber gesucht hatte, weil er wirklich ungern zum Arbeitsamt ging. Im Fitnesscenter hatte er dann Georg kennengelernt, der ihm eine Anstellung als Türsteher vermittelte. Lange Nächte mit viel Red Bull, aber wenig Stress und wenn die halbstarken Besoffenen doch mal auf Konfrontation aus waren, hatte er das relativ schnell dank seiner imposanten Erscheinung und seiner gleichzeitig ruhigen Art im Griff. Man schätzte ihn. Der Club, bei dem er arbeitete, musste leider irgendwann zusperren, warum, war ihm nicht ganz klar, eigentlich war es ihm nach drei Jahren an „der Tür“ aber auch egal, weil er mittlerweile eine Freundin, und mit ihr einen schon fast eineinhalb Jahre alten Sohn hatte. Ohnehin ergab sich sofort ein neues Angebot bei einer Sicherheitsfirma. Der Bedarf an Sicherheit war in den letzten Jahren gestiegen, in gewisser Weise auch bei Manuel. Die Sicherheitsfirma garantierte ihm eingeteilte Dienste, geregelte Arbeitszeiten, Anspruch auf Urlaub und vor allem, dass er nicht mehr nur in der Nacht arbeiten musste. Es war abwechslungsreich. Er bewachte Messen und Vergnügungsparks, Auf- und Abbauarbeiten, Eröffnungen und Ausstellungen, war bei privaten Partys wie auch offiziellen Veranstaltungen im Einsatz. Seine Arbeit dürfte er sehr zufriedenstellend verrichtet habe, denn eines Tages bekam er ein noch viel besseres Angebot. Er musste sich unter einer Telefonnummer melden, die ihm dann eine Adresse nannte, zu der er fahren sollte. Es war eine Villa am See. Seitdem in den letzten Jahren sämtliche wertvollen Seegrundstücke privatisiert wurden und es offensichtlich zum guten Ton von unfassbar reichen Leuten gehörte, sich eine Immobilie in allerbester Lage zu gönnen, gab es einfach auch den Bedarf diese Domizile gut zu schützen. Die Besitzer des beeindruckend weitläufigen Grundstücks am See, auf dem eine imposant große Villa stand, vertrauten ihm offensichtlich, das heißt, ihre Assistentin, denn die Besitzer hatte er bisher noch nicht getroffen. Er bekam den Job und ein Diensthandy, und aber keine neue Uniform, denn legeres, gepflegtes Auftreten reichte. 

Seine Aufgaben umfassten nicht viel mehr als in Abwesenheit der Besitzer auf die Liegenschaft aufzupassen, also zu gewissen Zeiten musste er anwesend sein, musste Gärtner oder Putzfrauen hinein- und auch wieder raus zu lassen, hatte zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist, sicherzustellen, dass kein Unbefugter vonseiten der Strasse oder des Wassers das Grundstück betritt. Die meiste Zeit scrollte auf seinem Smartphone durch die Facebook-Timeline oder löste Rätselseiten der Zeitungen, oft saß er auch einfach nur da und blickte auf das Wasser. Bisher hatte es noch keine nennenswerten Vorfälle gegeben, nur einmal kam eine Gruppe mit ihrem Schlauchboot dem Grundstück zu nah und machte Fotos.  Das ist völlig inakzeptabel, muss doch die Privatsphäre auch dann geschützt bleiben, wenn niemand anwesend ist. 

Es war ihm verboten – außer in absoluten Ausnahmefällen – die Schlafzimmer der Besitzer zu betreten, Lebensmittel aus dem Kühlschrank in der Küche zu nehmen und es war ihm auch strengstens untersagt, über seinen Einsatzbereich zu sprechen und verständlicherweise durfte er keinesfalls Fotos machen. Manuel hielt sich daran, vor allem aber, weil er davon überzeugt war, dass versteckte Überwachungskameras installiert sind, dass auch er als Bewacher nochmal überwacht wird. Letzlich ist jeder ein potentielles Sicherheitsrisiko und man kann niemandem absolut vertrauen. 

Die Besitzer hatten offensichtlich mit der Angst zu tun. Klar, wenn man Wohnungen und Häuser an prominenter Stelle an mehreren Orten der Welt hat, ist das nicht nur ein Genuss sondern vor allem auch eine Belastung.

Manuel beneidete sie nicht. Dagegen waren seine Ängste überschaubar, dachte er, waren nie wirkliche Ängste sondern Sorgen, Geldsorgen meistens. Aber die Bezahlung stimmte aktuell, vor allem, wenn er daran dachte, wie unaufwendig die ihm übertragenen Aufgaben waren. Im Gehalt war ein Bonus für seine Diskretion schon eingerechnet, auch Überstunden würden extra bezahlt werden. 

Wieviele, wie er, in ähnlichen luxuriösen Häusern saßen und wachsam die Zeit totschlugen, wusste er nicht, schließlich durften sie, wie er, nicht über ihre Arbeitsplätze sprechen. Und sie warteten, wie er, insgeheim darauf, dass es doch einen Zwischenfall gäbe, die Alarmanlage endlich mal korrekt anschlagen würde, und sie zumindest das Pfefferspray auspacken könnten. Der Dank der Besitzer wäre ihnen sicher. 

Manuel denkt zur Zeit darüber nach, ob er nicht einen Einbruch erfinden sollte, den er im letzten Moment verhindern haben würde. Bei Einbruch der Dunkelheit wäre eine Bande von Kriminellen über die Mauer, Nein, mittels eines Motorboots aufs Grundstück gelangt, ausgestattet mit professionellem Werkzeug und der klaren Absicht durch eines der Fenster im ersten Stock ins Haus zu gelangen. Rechtzeitig hätte er sie erspäht, die Flutlichter und die Sirenen aktiviert und sie so in die Flucht geschlagen, danach habe er pflichtgemäß die Polizei informiert, die innerhalb von zehn Minuten eingetroffen wären, wobei er auch sogleich ein Tatwerkzeug sichergestellt gehabt hätte und der Polizei übergeben hätte können, und, Nein, aber die Fingerabdrücke ….

Verdammt, man könnte ihm Unachtsamkeit unterstellen oder an seiner Erscheinung zweifeln. Und außerdem gibt es ja noch die Kameras und wer weiß, welche Maßnahmen die Besitzer noch ergriffen hatten, um ihren Besitz zu schützen. Sein Plan ist noch nicht ausreichend durchdacht, das weiß er selbst, aber während Manuel aufs Wasser schaut, spielt er ihn immer und immer wieder durch, er will sich schließlich nicht langweilen.

menschen treffend: andreas

Wie war er bloß auf dieses Podium geraten? Grundsätzlich wusste Andreas es natürlich, aber war die falsche Entscheidung, dass ausgerechnet er bei dieser Veranstaltung teilnehmen musste. Er war nicht zuständig, er war nie zuständig gewesen und trotzdem war er nun anwesend. Mehr nicht. Weißer Leinenanzug, darunter ein leichtes Hemd, die obersten Knöpfe offen, am Rever ein Anstecker seiner Partei. Das hatte er für diesen Abend ausgewählt, sich noch im Dienstwagen umständlich umgezogen. Der Stuhl unter ihm: Thonet-Nachbau, fühlte sich unbequem an. Die tatsächlich Zuständigen hatten sich auf wichtige Termine ausreden können und deswegen musste er einspringen. Er bereute, sich nicht ebenso energisch gegen die Teilnahme gestellt zu haben, denn er war – verdammt nochmal – eben keinesfalls verantwortlich, nicht mal kompetent, aber das würde er so nie sagen. 

Vor ihm saß, mit ein einigen leeren Stuhlreihen Abstand, ein Querschnitt aus Bürgern und Bürgerinnen. Aus den Gesichtern konnte er eine Skala von interessiert erwartungsvoll bis aggressiv enttäuscht lesen. 

Er wusste es ja selbst, dass es scheiße gelaufen war. Man hätte das Projekt von Anfang an anders aufziehen müssen, man hätte nicht das angefangene Projekt der letzten Landesregierung in dieser Art übernehmen dürfen. Zu Recht wird die mangelnde Kommunikation und die schwammige Planung angesprochen. Aber er sitzt nunmal hier um den Status Quo zu verteidigen, irgendwie, so gut es geht, denn alle Informationen zum Projekt hatte er auch nicht, nur ein paar Unterlagen. Und natürlich hörte er beim Eingangsstatement gut zu, aber irgendwann waren die Informationen verschwommen und er konnte nur noch einen Brei an Schlagworten wahrnehmen, klang eh ganz gut. Also ausbaufähig und ambitioniert, aber das hat schon Potential, wird schon, dachte er. Das notierte er sich, oder vielmehr notierte er sich die Schlagworte: Ambitioniert, mutig, zukunftsweisend. Das war ihm so eingefallen. Gerade war da noch der Satz, der fast sloganhaft war oder zumindest ein Sprichwort, irgendwie was mit „Man muss es wagen, um ..“ Nein, es fiel ihm einfach nicht mehr ein. Er machte einen unauffälligen Blick auf seine Uhr. Erst 27 Minuten waren vergangen. Zu gerne hätte er auf sein iPhone geschaut und auf Twitter herumgescrollt, aber das verbat er sich. Ganz unvermittelt kam ein Gähnen in ihm auf. „Ich bin einfach scheiß müde“, dachte er sich. Und richtete sein Jackett. Viel lieber wäre er daheim auf seinem Sofa gesessen oder noch etwas essen gegangen oder würde einfach schon schlafen.

Er wusste, es würde heute zu keiner Verständigung, keiner zufriedenstellenden Lösung oder auch nur Erklärung kommen. Er hasste solche Termine. Hier würde es keine schönen Bilder geben, keine Dankesworte zu sagen, kein Raum für Ansprachen, nichts, einfach nur Gerede und sogenannte Wortmeldungen. Warum muss man auch immer herumdiskutieren?! Das Projekt war am Weg und auch der Verlauf des Abends würde daran nichts ändern. Er schlief fast ein, man kann sagen, er war gelangweilt.

„Bürgerbeteiligung ist ja schon ein schlimmer Versuch sich greifbar zu geben, aber wenn dann auch noch hysterisierte, selbsternannte Betroffene vor einem sitzen… das ist wirklich zu kotzen“, verselbstständigten sich seine Gedanken. Und er musste leicht auflachen. „Burgerbeteiligung. Ein Burger wär jetzt großartig“.

Er riss sich wieder zusammen. Immer noch Rumoren im Saal, Anspannung, Fragen, Antworten, Stimmen. „Oder eine Bratwurst. Senf. Eine Semmel. Bier. Das hätte ich mir verdient.“ Sein Gesicht performte in diesem Augenblick interessiertes Zuhören, es wurde lauter. Die Stimmung war aufgeheizt, dementsprechend war auch die Temperatur im Raum. Das Wasser, das man ihm hingestellt hatte, war leider lauwarm gewesen, er hatte es trotzdem ausgetrunken, schon vor dreissig Minuten und offensichtlich würde sich niemand darum kümmern, dass er ein neues bekommt. Gerne hätte er ein Bier, oder besser ein Glas Wein und ein Glas Wasser, also hätte er aufstehen und zur Bar gehen oder er vom Podium herab darum bitten müssen – oder einfach darauf verzichten. „Gibt es eigentlich einen Hinterausgang? Wie schaue ich unauffällig auf die Uhr? Und wann ist es Zeit auffällig auf die Uhr zu schauen, um zu signalisieren, dass man jetzt doch endlich mal zum Ende kommen könne.“, lief es in seinem Kopf.

Dabei versank er immer weiter in seinem Sessel. Anfangs war das am Stuhl zu rutschen noch ein unbewusster Akt gewesen, er war einfach sehr unbequem, Andreas hatte sich immer wieder aufgerichtet, aber mittlerweile war es ihm egal. Er hatte keine Lust mehr, er hatte sie nie. Er war völlig in sich zusammengefallen. Und dieses Bild konnte ruhig so rezipiert werden.

Er schaute in dieser verkrümmten Haltung in die Gesichter im Publikum und er verachtete jedes einzelne, aber er durfte es nicht zeigen, denn jeder von ihnen war ein potentieller Wähler. Dass er so dachte, seine aggressive Stimmung tat ihm gleichzeitig leid. Der Tag war schon lang gewesen, voll mit Treffen, Sitzungen, E-Mails und Anrufen, und letzte Nacht hatte er schlecht geschlafen. Das interessierte hier niemanden. Er wollte sich nochmal bemühen, Verständnis zu entwickeln und dies auch dementsprechend zu formulieren, aber man hörte ihm nicht zu. Eigentlich war auch dieser Abend scheiße gelaufen, insofern passte die Stimmung perfekt zum Projekt. Die letzten zehn Minuten der Veranstaltung verwendete er, um darüber nachzudenken, wie er hier gelandet war, also wie sein Weg vom engagierten, jungen Parteimitglied zum Berufspolitiker war, und an welchem Punkt die Zwänge angefangen haben und sein Zynismus eingesetzt und er die Verbindung zu den Sorgen der Menschen verloren hat. Für einen Moment wünschte er sich, wieder so mutig denken zu können, wie in seiner Jugend. Dann dachte er wieder daran, wo man noch was zu essen bekommen könnte, denn es war spät, alles hatte schon geschlossen. 

menschen treffend: wolfgang

Es ist ein routinierter Ablauf. Um 8:30 Uhr kommt er in der Firma an, Parken am Mitarbeiterparkplatz, die paar Schritte zum Hintereingang, wo er die ersten Raucher begrüßt, über die Stiegen in den ersten Stock, zum Kaffeeautomat (Verlängerter, aktuell: € 1,-), dann nochmal zum Hintereingang um auch noch eine Zigarette zu rauchen. Ein paar Worte über das Wetter werden gewechselt, dann ein paar Sätze zur Familie, Nachfrage, wie es den Kindern geht. Zigarette austöten, wieder in den ersten Stock, kurz vor 9:00 Uhr, einstempeln, kurze Nachfrage im Büro, ob heute irgendwas Besonderes ansteht., dann wieder ins Erdgeschoss und von dort mit dem Lastenaufzug ins oberste Geschoss. Licht einschalten, die Neonröhren beginnen zu surren. Aus dem Dunkel erscheinen die vielen hohen Regale. Möbel.

Das ist das Reich von Wolfgang. Er kennt hier jeden Winkel, unter dem Dach, ohne Fenster, wo es etwas staubig ist, was sich nicht vermeiden lässt, wo aber eine absolut Ordnung herrscht, herrschen muss. Im Gang neben dem Lastenaufzug hat er Seit mittlerweile 27 Jahren arbeitet er in diesem Möbelhaus, das an diesem Ort seit über 50 Jahren existiert. Es ist keines dieser riesigen Möbelhäuser sondern ist seit über 50 Jahren unverändet groß, auch wenn durch diverse Umbauten in den Jahren Platz immer mehr opitimiert wurde. Wolfgang hat noch 4 Jahre bis zur Pension, eventuell weniger, wenn sein Rücken tatsächlich nicht mehr mitspielen sollte. 

Lagerarbeiter, Lagerleiter, Lagerlogistiker – so verlief sein Aufstieg in der Firma, mittlerweile wird er nur noch allgemein als Logistics geführt. Es hat sich viel geändert, manches hat ihm die Arbeit erleichtert, manches ist mittlerweile etwas komplizierter, beides steht im Zusammenhang mit dem Logistik-Computer. Es ist wie mit den Möbelstücken: Sie werden kleinteiliger und gleichzeitig leichter, früher waren sie größer und schwerer, dafür stabiler. „Alles hat seine Vor- und Nachteile“, sagt er immer, und „Qualität ist schwer zu finden und kostet natürlich.“ Das weiß er, eigentlich ist Wolfgang gelernter Tischler, war ein paar Jahre in einer Tischlerei beschäftigt, bis diese zusperren musste und er seine Arbeit verlor. 

Seine Aufgabe nun hier: Menschen kaufen in den Stockwerken darunter ihre Möbel, sobald ein Verkäufer die Rechnung ausdruckt, wird er benachrichtigt und bereitet die Möbel zur Ausgabe vor. Er fährt mit dem Schwerlast-Plattformwagen zum entsprechenden Lagerregal und hebt das oder die Möbelstücke darauf und fährt mit diesen dann möglichst schnell mit dem Lastenaufzug ins Erdgeschoss, in die Lagerhalle an der Ausgaberampe. Oft stehen dort schon die Käufer und händigen ihm im Tausch für die Ware die Rechnung aus. Bis zur Rampe bringt er sie, nur in Ausnahmefällen hilft er auch bei der Beladung ins jeweilige Fahrzeug, bei überforderten Pensionisten beispielsweise, die sich ein neues Kästchen gönnen, das gerade verbilligt im letzten Werbeprospekt beworben war und von dem er noch unzählige Kartons auf Lager hat. Jungväter packen meist selbst gerne und allzu beherzt selbst an der Rampe an, um ihre Kraft zu beweisen, diesen hält er höchstens noch den Schwerlast-Wagen, weil er sonst über die Rampe rollen würde. Alleinstehende Männer kontrollieren meist noch die Pakete oder Möbelstücke auf Beschädigungen, die können natürlich vorkommen, lassen sich aber vermeiden. Unterschrift, Stempel, und schon fährt Wolfgang wieder mit dem Lastenaufzug in den letzte Stock, wo schon die nächsten Aufträge auf ihn warten. Es gibt Tage, wo er gar nicht dazu kommt, mit Heimo, der in der Lagerhalle arbeitet, mehr als einen schnellen Spruch zu wechseln. Er hat zwar einen Helfer, momentan Alex, aber auch mit ihm kommt er kaum zum Reden, Alex arbeitet drei Stunden weniger als Wolfgang und ist seit dem letzten Jahr sein mittlerweile sechster Helfer, da niemand lang bleiben will, und Alex wird in zwei Monaten auch weg sein, weil er einen besseren Job gefunden hat. 

Die Einsamkeit, hier, unter dem Dach, macht Wolfgang eigentlich nichts, früher hat er Zeitung gelesen, zwischenzeitlich hatte er sogar einen kleinen Fernseher, der ihm aber von der Geschäftsführung verboten wurde, mittlerweile drückt er auf seinem Smartphone herum, scrollt durch Nachrichten- oder Sport-Seiten oder googlet Bilder von nackten Frauen. Aber er kommt kaum dazu, auf seinem Telefon herumzuspielen, denn erstens hat er genug zu tun und zweitens ist der Empfang hier, unterm Dach, sehr schlecht. 

menschen treffend: rosi

Normalerweise hätte sie zumindest eine Baumwolltasche dabeigehabt, am Rücksitz oder im Kofferraum, aber heute nicht. Sie hatte sich also ein Papiersackerl an der Hofer-Kassa genommen, mit etwas schlechtem Gewissen zwar, aber sie wusste, dass sie eine angemessene Nachnutzung gefunden hätte, nachdem sie ihre Einkäufe nachhause gebracht hätte. Aber eigentlich verwendet sie nur noch diese Baumwolltaschen. Das hat sie jetzt davon. Beim Herausheben des Papiersackerls aus dem Einkaufswagen ist es sofort gerissen, die Einkäufe haben sich vor ihr auf den Hofer-Parkplatz verteilt. Bananen, Bio-Äpfel, Schokokekse, Mozzarella und Parmesan, Bio-Butter und Joghurt. Irgendwas musste das Papiersackerl nass und dadurch rissig gemacht haben. Sie konnte alles wieder einsammeln, nur die Joghurtbecher waren zerplatzt, der Joghurt befleckt den Parkplatz-Asphalt, darauf blickt sie. So steht sie nun da, Rosi, und sie kann ihre Tränen nicht verstecken. Ein Mann will ihr helfen und sagt ihr, dass es nicht so schlimm sei, es gäbe sicher noch unzählige Joghurtbecher in dieser Filiale, aber das bringt sie nur noch mehr zu weinen. Er versteht nicht, niemand würde verstehen, was gerade in ihr abläuft, auf diesen Joghurtfleck starrend. 

Vor ein paar Jahren hatte Rosi beobachtet, wie ein Asylwerber seine Einkäufe nach Hause trug und ihm beim Überqueren der Strasse ein Becher Joghurt runterfiel, der auf dem Boden zerplatzte. Der Asylwerber, Mohammad hieß er, wie sie damals dann erfuhr, hatte sich hinuntergebeugt und mit seinen Fingern das zerlaufende Joghurt am Gehsteig zu essen versucht. Er wollte es nicht verschwenden. Sie hatte das damals absolut herzzerreissend gefunden und unwürdig, ungläubig hatte sie ihm zugeschaut. Bis sie ihm dann schließlich fünf Euro in die Hand gedrückt hatte, verbunden mit der Bitte, dass er das Joghurt doch einfach liegenlassen sollte, den Becher schmiss sie eigenhändig in den nahegelegenen Mistkübel. Die beiden hatten ein paar stammelnde Worte gewechselt, dann konnte Mohammad den Fünf-Euro-Schein annehmen und war weitergegangen. Seither ist ihr diese Szene nicht mehr aus dem Kopf gegangen, die nun wieder vor ihren Augen abläuft. 

Sie hatte es damals nicht glauben können, dass in ihrer Stadt, in ihrem Land Menschen leben, denen es so schlecht geht, dass sie kaputte Lebensmittel vom Boden essen. 

Sie begann sich ehrenamtlich zu engagieren und sich dabei jenen anzunehmen, die von der Gesellschaft nicht aufgefangen wurden. 

Rosi selbst war relativ gut aufgewachsen, ihre Familie war nie wirklich reich gewesen, aber ihnen fehlte eigentlich nichts. Sie hatten in ihrem eigenen Haus gelebt, hatten immer auf Urlaub fahren können, beim Einkaufen wurde zwar auf den Preis geachtet, aber es gab kaum etwas, das sie sich nicht leisten konnten, wenn sie wollten. Rosi hatte als erste in der Familie studieren dürfen, fand anschließend eine gut bezahlte Arbeit in einer international tätigen Werbefirma, bereiste die Welt, heiratete, zog zwei Kinder groß, stieg in ihrer Firma zur Abteilungsleiterin auf, wurde geachtet, verlor ihre Arbeit dann aber mit Ende Vierzig, machte sich als Motivations-Trainerin selbstständig, war darin erfolgreich, ließ sich von ihrem Mann mit Anfang Fünfzig Scheiden, erbte das Elternhaus, nachdem ihre Eltern knapp nacheinander starben, zog zurück in ihr Heimatdorf, entschloss sich weniger zu arbeiten und ihr Leben zu genießen, fing also nochmal neu an. Sie ging gerne ins Kino und manchmal auch ins Theater, besuchte Ausstellungen, ging regelmäßig schwimmen, verreiste immer wieder, auch spontan. Sie fand Freundinnen, die ihre Leidenschaften teilten. Sie hatte genug zum Leben und mit Mitte Fünfzig auch einen kleinen finanziellen Polster am Konto. Dann passierte das Erlebnis mit Mohammad, der ihr Leben nochmal verändern oder vielleicht auch ergänzen sollte. Sie half bei der Essensausgabe einer kleinen, lokalenHilfsorganisation, der Krisenküche, sammelte privat Möbel und Fahrräder für diejenigen, die es sich nicht leisten konnten. Das waren viele Flüchtlinge, Asylwerber, Migranten, aber nicht nur. Wenn man mal Einblick in die Teile der Gesellschaft bekommt, die von den meisten übersehen oder abschätzig angesehen werden, relativiert sich vieles. Es macht sie wütend, wenn von Asylindustrie gesprochen wird, es machte sie rasend, als der Bürgermeister beim Tag der Offenen Tür der Krisenküche die Einladung mit der Begründung ablehnte, dass das alles ganz toll sei, was geleistet wird, aber man den – Zitat – „Obdachlosen-Tourismus“ eigentlich nicht unterstützen dürfe. 

Rosi wird oft als Gutmensch tituliert, es hängt ihr beim Hals heraus, zu fragen, ob das umgekehrte Pendant erstrebenswert sei. Rosi fragt sich, wann das angefangen hat, dass Menschenverachtung den gesellschaftlichen Diskurs dominiert. Da hat sich doch eindeutig was verschoben. Nicht nur im Mittelmeer sterben Menschen, geduldet. Rosi hat Angst davor, dass ihr Enkelsohn sie einmal fragt, warum alle weggeschaut haben, wenn es Menschen gab, die Hilfe brauchten. 

Rosi schmeißt den leeren Joghurtbecher in den Müll und fährt heim, sie wird heute mal auf das Joghurt verzichten. 

menschen treffend: herbert

Wir treffen auf Herbert. Es ist wahrscheinlich nicht sein erstes Bier. Sein roter Kopf kommt aber wohl eher vom Sitzen in der prallen Mittagssonne. Die Biertisch-Reihen sind sehr gut gefüllt, die Schirme und Schattenplätze eher rar. Das war der Platz, den er fand und den verteidigt er nun auch. Vor ihm liegen die Reste eines Wiener Schnitzels mit Kartoffelsalat. Die Soße aus Essig und Ketchup hat sich schon ungut in einen Teil des Schnitzels eingesogen, deshalb lässt er das stehen. Er deutet dem Kellner, dass er es mitnehmen kann und beobachtet wie die Gabel dann zu Boden fliegt. Der Kellner ist vermutlich auch schon angetrunken. Herbert bückt sich nach der Gabel und reicht sie dem Kellner und bestellt, bei der Gelegenheit gleich eine weiteres großes Bier. Das kann noch länger dauern, das sitzen zwischen all diesen Leuten. Manche kennt er, grüßt sie von der Ferne (der Karli, der Schorschi, der Walther), bei anderen dreht er sich weg. Mit Heinz hat er vorhin kurz gesprochen, er hat immer noch das chronische Rückenleiden, wegen dem er in die Frühpension gehen konnte. An manchen Tagen beneidet er ihn dafür, meist ist er aber froh darüber, selbst noch keine größeren Beschwerden zu haben. Gut, er könnte etwas abnehmen, sein Bauch wird wohl nicht mehr kleiner werden, der Arzt mahnt diesbezüglich regelmäßig. Eigentlich geht es Herbert aber sehr gut. Wenn er an Klaus oder Peter oder Hans denkt, alle in seinem Alter, alle drei kämpfen mit irgendeiner Art von Krebs. Toni haben sie erst letzte Woche verabschiedet, wie so viele davor, zuviele. Herbert zündet sich in dem Moment die Zigarette an, in dem auch sein frischgezapftes Bier kommt, steckt sich die Zigarette in den Mund und holt etwas ungelenk aus seiner Jeans einen fünf Euro Schein hervor. Er gibt zwanzig Cent Trinkgeld, das muss reichen, schließlich bekommt er sein Geld auch nicht geschenkt. Herbert hustet, aber es ist das angenehme Husten nachdem man etwas gegessen hat, bei dem sich der Schleim etwas löst. Er blinzelt zufrieden und gut gelaunt in Richtung der Süßigkeiten-Bude, bei der Kinder gerade beraten, was sie sich kaufen sollen, und nimmt einen kräftigen Schluck. Herrlich, denkt er, so fühlt sich das Leben doch schön an. Die Leute um ihn herum kennt er nicht, so ist das bei Zeltfesten, wenn man zusammenrücken muss. Aber als sie sich zum ihm setzten, gab es schon ein kurzes Gespräch, man verständigt sich einfach, das gehört dazu. Was Herbert wirklich mag, ist diese kleine Art der Solidarität, die sich einstellt, wenn man gemeinsam an so einem großen Biertisch sitzt, gemeinsam das gute Wetter oder das Essen lobt oder mit einer Stimme sich über die schlechte Bedienung, die zu hohen Preise aufregt oder alle sich gemeinsam dafür einsetzen, den Kellner möglichst schnell zum Tisch zu holen um eine weitere Runde zu bestellen oder darauf hinzuweisen, dass noch das Besteck fehlt. Kopfschütteln am Tisch. Alle haben Schnitzel gegessen, einvernehmliche Meinung ist, dass es doch etwas flachsig war. 

Schon länger schauen alle am Tisch allerdings in verschiedene Richtungen, das Geschehen beobachtend, den Blicken ausweichend, der Band zuhörend. Unglaublich, wie lange diese Band, bestehend aus dem Sänger und Gitarristen, der regelmäßig auch die Ansagen macht („Dann ein Prost in die Runde“), und der Keyboarderin, die einen Großteil des musikalischen Arrangements bewältigt, schon durchhält. Die spielen sicher schon, also, bis auf eine kurze Klopause spielen die, seit Herbert hier angekommen ist, das ist nun auch schon ein paar Stunden her. Sunshine Band, so nennen sie sich, buchbar für jeden Anlass. Die Songauswahl erstreckt sich zwischen Schlager und Mitsing-Hits aus mittlerweile vier Jahrzehnten, DJ Ötzi und Andreas Gabalier miteinschließend. Das Publikum geht mit, eine Gruppe von mindestens siebzigjährigen Frauen tanzt im Kreis. Herbert amüsiert sich über sie, gleichzeitig ist er aber beeindruckt von ihrem Mut. Schon mit leicht angetrunkenem Blick (Er spürt das Bier und weiß, in der nächsten Viertelstunde wird er sich aus den Reihen Richtung Klo bewegen müssen) beobachtet er auch die Frau zwei Reihen weiter, die sitzend mittanzt, was aussieht als ob sie einen sanften Boxkampf vollführen würde, gleichzeitig aber auch wie das Kurbeln einer Maschine. Dampflok denkt er, er denkt an eine Dampflok. Wahrscheinlich ist ihr Mann, der neben ihr sitzt ein Lokführer. Herbert lacht laut auf und nimmt noch einen kräftigen Schluck von seinem Bier. Schön ist es hier. Der Politiker, der durch die Reihen schreitet und mit großer Geste grüßt, kann ihm aber gestohlen bleiben, noch ein Schluck. Für die Arbeiter wird Politik schon lange nicht mehr gemacht, noch ein Schluck. Herbert kann sich erinnern, dass früher auch noch Reden gehalten wurden, die vermisst er auf eine Art doch sehr. Und früher wurde auch noch in regelmäßigen Abständen „Die Internationale“ angestimmt, heute hört er nur „Hulapalu“. Er bleibt trotzdem sitzen.