menschen treffend : thomas

„Ich bin Anwalt“, das wäre der Satz, den Thomas jetzt gerne sagen würde, aber das ist er nunmal nicht. Anwalt ist Thomas leider nicht geworden, obwohl sein Vater sich das gewünscht hätte. Thomas ist Webdesigner, arbeitet in einer Grafikagentur, viel am Computer. Hinter Bildschirmen versteckte er sich immer schon gern, was ihm mit Ende Dreißig nun regelmäßig Rückenschmerzen verursacht. Schon als Teenager hing er ständig vorm Fernseher, an der Spielkonsole und verbrachte einen großen Teil seiner Freizeit damit, sich als Held durch digitale Welten zu bewegen. Wenn er nicht gerade im Haushalt mithelfen musste oder auf eine seiner drei Geschwister aufpassen. 

In der engen Wohnung kam man sich natürlich auch dauernd in die Quere, ungestört war er selten, unzählige Male wurden seine Spielstände gelöscht oder eine seiner Gaming-CDs zerkratzt und zerstört. Er hätte natürlich rausgehen können, wie alle anderen auf den Spielplatz der Wohnsiedlung, mit den anderen Kindern spielen, aber da hätten keine Freunde auf ihn gewartet. Auch in der Schule war er ein Einzelgänger, obwohl sich seine Volksschullehrerin sehr bemühte, dass er Freunde findet. Dieselbe Lehrerin, die ihm dann bei jeder Streitigkeit die Schuld gab, wenn er, nachdem die anderen Jungs ihn wieder mal verarscht hatten, erneut eine Rauferei begonnen hatte, was so eigentlich gar nicht stimmte. Das war unfair, klar, fühlte sich für ihn so an, ja, aber oft war er auch verunsichert, ob er nicht doch einfach aggressiver als die Anderen sei, vor allem nachdem er zu einer Kinderpsychologin geschickt wurde. Die Lösung war, dass er sich von den Anderen fernhielt und nach der Schule sofort nachhause ging. Zum zehnten Geburtstag bekam er dann eine NES (Nintendo Entertainment System) geschenkt, seine Eltern wollten ihn aufheitern, weil er so traurig wirkte, so pixelig fing seine Computerspiel-Leidenschaft an. 

Die Jahre vergingen, die Spielkonsolen wurden immer besser, regelmäßig gab es ein Upgrade, Thomas hatte immer das aktuellste Gerät. Seine sozialen Kontakte wurden allerdings nicht besser, auch im Gymnasium, auf das er es aufgrund seiner guten Noten und trotz der Empfehlung seiner Volksschullehrerin doch eine Hauptschule zu besuchen, geschafft hatte, blieb er der Außenseiter. Innerhalb der Klassengemeinschaft war er kaum gefragt, außer im Turnunterricht, wo er einer der sportlichsten war, weil er dort seinen Bewegungsdrang zweimal die Woche dann gebündelt ausleben konnte. Im Turnunterricht fühlte er sich gut und beliebt, das genoss er, gerade weil es danach wieder schwierig wurde. Wenn etwas in der Klasse verschwand, wurde er verdächtigt. Wenn etwas kaputt ging, schob man ihm die Schuld zu. Und erneut war es bei Raufereien immer Thomas, der den Klassenbucheintrag bekam. Zurecht fragte Thomas sich, warum letztlich immer er der Schuldige sein sollte, wo doch gerade er ständig außen vor stand. Und die meiste Zeit beobachtete, welchen Spaß die anderen hatten, welche Pläne die anderen fürs Wochenende ausmachten, irgendwann welche Partys ohne ihn stattfanden. Nur Manuela, die neben ihm saß und mit der er sich ganz gut verstand und über Comics und Computerspiele reden konnte, war ebenfalls nie eingeladen. Aber auch Manuela traf er nie außerhalb der Schule. Während die anderen herumknutschten, saß er zuhause, vor seiner Konsole, bis er diese – genauso wie die Schule – für eine Zeit hinter sich ließ.

Nach der Matura ging er für ein Jahr nach Graz um seinen Zivildienst zu machen, im Altenheim war er beliebt, weil er immer so freundlich und sozial sei, bekam er bestätigt, was er wohl in seiner Großfamilie gelernt habe, wie ihm gesagt wurde, im gleichen Atemzug wie ihm die Senioren und Seniorinnen die seltsamsten Spitznamen gaben und ihn ständig betatschten. 

Nach dem Zivildienst kehrte er wieder zurück in seine Heimatstadt, das Ausgehen in die Bars der Stadt hatte er nie genießen können und er hatte es leid, ständig nach Drogen gefragt zu werden, wenn er durch den Park spazierte.

Zurückgekehrt bekam er einen Job in einer Hosting Firma, die Konkurs ging, wurde aber glücklicherweise von der Grafikagentur übernommen, die ihn auch gleich eine Ausbildung bot, allerdings eher nach dem Motto learning by doing. Er hat schnell gelernt und seine Arbeit wird geschätzt. Das erste Mal fühlte er sich angenommen, als vollwertiger Teil dieser Firma, nicht wie jemand, der nirgends reinpasst und mit niemandem zurecht kommt. 

Genau deswegen arbeitet er dort immer noch, wie er dem Polizisten jetzt schon mehrmals erklärt hat. Nicht dass Thomas wüsste, was den Polizisten das angeht, deswegen hätte er ja gerne einen Anwalt, aber das gibt es so wohl auch nur in Filmen. 

Dass er während der Amtshandlung zunehmend ungehalten wurde, lag nur daran, dass er und sein Auto auch noch durchsucht wurden, als ob es etwas Spannendes zu finden gäbe. Dass er vorhin auf der Wache schrie, lag an der ungeklärten Situation, weil niemand konkrete Aussagen machte, wann er endlich heim darf. Er hat doch schon zugegeben, dass er mit seinen Kollegen wohl ein Bier zuviel getrunken und seine Alkoholisierung unterschätzt hat. Er hätte nicht ins Auto steigen sollen, das war natürlich dumm, aber 0,7 Promille sind auch kein Vollrausch. Führerschein ist wahrscheinlich erst mal weg, scheiße! Strafe soll sein, ja! Aber Thomas will endlich nachhause. Und jetzt behandelt man ihn wie einen Schwerverbrecher. Das regt ihn auf, gleichzeitig ist er erschöpft.

Thomas sinkt auf dem Stuhl in der Wache zusammen. Müde blickt er auf seine Hände, dreht sie langsam hin und her – betrachtet die hellen Innenflächen seiner Hand und den dunkelbraunen Rest seiner Haut. 

menschen treffend : sonja

Jetzt klatscht niemand mehr. Das ist sie jetzt, die neue Normalität, die sich schon wieder verdammt ähnlich wie die alte Version davon anfühlt. Über zwei Monate lang war Sonja beim AMS gemeldet, nun läuft sie wieder zwischen Gästen im Gastgarten herum, der erweitert wurde, und nimmt Bestellungen auf, die oft genauso langsam oder unfreundlich angesagt werden, wie sie es im Februar dieses Jahres gewohnt war. Da kam Corona und es war schon absehbar, dass es früher oder später auch ihren Arbeitsplatz treffen würde. Zuerst blieben die Gäste langsam aus, dann folgten Maßnahmen auf Maßnahmen und dann durfte ihr Café, also der Platz, an dem sie als Kellnerin arbeitete, gar nicht mehr aufsperren. Plötzlich arbeitslos, ein Zustand, den sie nicht erwartet hatte, etwas, vor dem Sonja eigentlich unglaubliche Angst hatte. Als es dann soweit war, fühlte es sich nicht mehr so schlimm an. Mit ihr verloren hunderttausende ihren Arbeitsplatz, aber der gleichzeitigen Aussicht, dass dies zeitlich begrenzt sein würde. Am Anfang natürlich ungewohnt, kein Wecker am Morgen, freie Einteilung des Tages, allerdings mit der Einschränkung, dass sie ihrer Tochter bei der täglichen Hausübung – die nun gleichzeitig als Schulübung galt – zwischendrin helfen musste. An sich war ihre Tochter sowieso sehr selbstständig, denn wenn sie von der Schule heimkam, machte sie sich meistens selbst das Mittagessen und oft auch das Abendessen, wenn der Dienst im Café wieder länger dauerte. Der Alltag war geprägt von schlechtem Gewissen, ihrer Tochter nicht genug bieten zu können, vor allem viel zu wenig Zeit für sie zu haben. Denn wenn Sonja heimkam, war sie meistens völlig erschöpft und müde und nur noch halbherzig bei den Erzählungen ihrer Tochter dabei, oder dem Wunsch noch etwas gemeinsam zu spielen. Meistens wurde einfach der Fernseher eingeschaltet und man saß noch gemeinsam für eine Stunde zusammen, bis ihre Tochter schlafen gehen musste. Interessanterweise war seit dem Zeitpunkt, an dem „Corona den Job weggenommen hat“, der Fernseher kein einziges Mal in Betrieb gewesen, es hat sich einfach nie ergeben.

Und unglaublich, was Sonja jetzt alles schaffte. Keine liegengebliebenen Wäscheberge, kein Geschirr in der Abwasch, mindestens zweimal am Tag frischgekochtes Essen. All das, was sie sonst nicht bewerkstelligte, sich Vorwürfe machte, warum das andere in ihren Tagesablauf integrieren können und ihr das Gefühl gaben, nicht genug zu leisten, nicht zu genügen, alles falsch zu machen. Wenn Sonja ehrlich nachdachte, hatte sie die Zeit genossen, in der sie gar keine andere Wahl hatte, als daheim zu bleiben. Sie hatte seit Jahren endlich wieder Zeit, frei verfügbare Zeit, Zeit für ihre Tochter und zusätzlich auch noch Zeit für sich. Es gab kein Herumhetzen, kein Stress, niemand, der sie zu irgendwas zwang. Es war durch und durch schön, auch wenn die Lage vor ihrer Haustür noch so bedrohlich anmutete. Interessanterweise hatte sie am Ende des Monats auch noch Geld am Konto, und dies obwohl das Arbeitslosengeld geringer ausfiel als ihr eigentlicher Monatslohn, der aber ohnehin schon niedrig war – und ohne dass sie von irgendeinem Hilfsfond etwas bekommen hätte. Ein Hilfsfonds für alleinerziehende Mütter mit so geringem Einkommen wurde nicht geschaffen. Egal, brauchte sie ohnehin nicht, mit ihrem Plus am Konto am Ende des Monats. Sonja hatte natürlich weniger eingekauft, nämlich tatsächlich nur die Lebensmittel, die sie wirklich brauchte, keine Dinge in Aktion, die irgendwie praktisch schienen und sich beim Diskonter so verlockend abwechseln. Es gab keine Chance zu shoppen, weder neue Schuhe, noch neue Jacken und auch keine neuen Hosen. Ihr Schrank war ohnehin vollgestopft mit dutzenden Varianten von Outfits, die sie selten anzog, und jetzt während der Ausgangseinschränkungen und ihrer vielen Zeit endlich ausmistete, genauso wie all das Zeug, dass sich in den Jahren in ihrer kleinen Wohnung angesammelt hatte und Platz wegnahm. Sie verspürte in sich eine gewisse Art von Befriedigung, tatsächlich nichts zu kaufen, absolut nichts außer Lebensmittel. Sie merkte, dass sie eigentlich nicht viel brauchte.

Sonja verspürte in sich etwas, das lange schon nicht mehr so in ihr präsent war: Glück. Sie war glücklich, mit sich, mit ihrer Tochter, mit ihrer Umgebung. Sie empfand eine Freude zu leben, auch das war gar nicht mehr so selbstverständlich. Einen Satz wie „Die Welt ist schön“, dachte sie sich, als ihre Blumen am Fenster zu blühen anfingen. Dass erst eine Pandemie über die Menschheit hereinbrechen musste, damit Werte wieder als anders definierbar erscheinen. Vielleicht setzt ein Umdenken ein, hatte sie sich lange gedacht, gehofft, sie hatte fast dafür gebetet, denn endlich konnte sie sich ein richtiges Leben vorstellen, das nicht von einer stetigen Abfolge von Aufgaben, von Arbeiten, Abarbeiten, und gleichzeitigen Existenzängsten geprägt sein würde. Und alle erschienen für einen gewissen Zeitraum gleich, ähnlich verletztlich und deswegen hilfsbereit verbunden. Begrifflichkeiten wie „Gefährder“, „soziale Distanz“ und „Reproduktionszahl“ wurden durchmischt mit Diskussionen, die aufatmen ließen: „Bedingungsloses Grundeinkommen“, „Solidarität“, „Achtsamkeit“, „Rücksicht“, „Hilfe“, … Die Menschen können das alles nicht mehr hören, vielleicht konnten sie es nie, genauso wie das Wort der Zeit mit „C“.

Es hätte so schön sein können, es wäre so schön gewesen, gut vorstellbar, es erschien möglich.

Jetzt scheint alles wieder wie immer, keine Rede davon, dass man mal alles ganz grundlegend überdenkt, worin wir leben müssen, keine Blicke über den Tellerrand, außer er ist schmutzig und Sonja wird zum Tisch gerufen. Unter ihrem Schutzvisier klingt sie gedämpft, wenn sie sich entschuldigt und schwitzt, wenn sie schnell zur Bar hetzt um sauberes Geschirr zu holen, das Plastik beschlägt, man sieht ihren Atem, der versperrt ihr die Sicht, ihr Herz schlägt schnell, das sieht man nicht. Sonja ist unwohl.

Die Menschen haben ihre Masken wieder abgenommen, sie trinken ihren Kaffee wie eh und je, neben ihnen stehen die Waren ihrer aktuellen Shoppingtour. Made in China.

menschen treffend : mascha

Der Wecker klingelt um 5:55, Vogelgezwitscher, wird direkt auf Snooze geschaltet, um 6:05 als nerviger Ton und geht wieder direkt auf Snooze, und um 6:15 mit dem Lied „Guten Morgen Sonnenschein“, nervt auch, aber das ist auch der Sinn. Dann heißt es wirklich aufstehen, langsam Anziehsachen zusammensuchen, schnell ins Bad, bevor jemand anderer aus der Familie das Bad blockiert, denn für die nächsten 20 Minuten gehört das Badezimmer nur Mascha. Für alle vor der Türe bleibt es dann ein Mysterium, was hinter ihr passiert, ist allerdings auch nicht aufregend. Mascha braucht ihre gewohnte Morgenroutine: Duschen – Zähneputzen – Deo – und am längsten brauchen die Haare. Nein, sie schminkt sich noch nicht.

Mascha ist vor zwei Wochen 13 Jahre alt geworden, nunmehr ein Teenager also, seit dem Tag starren alle Erwachsenen in ihrer Umgebung sie an, in Erwartung, Mascha würde jetzt ganz schwierig werden. Mascha fühlt sich wie immer, vielleicht ist momentan in ihrem Leben etwas mehr los als noch vor ein paar Jahren, aber das hat ganz einfach damit zu tun, dass sie konkretere Interessen hat.

6:45 verlässt sie das Haus, bekommt von ihrem verschlafenen Vater, der gerade seinen ersten Kaffee trinkt noch eine Jausenbox in die Hand gedrückt. Der Bus kommt um 6:55, zweimal umsteigen und um 7:30 ist sie in ihrer Schule, wo sie noch etwas Zeit hat, schnell Hausübungen abzuschreiben oder ein paar Worte mit ihren Freundinnen zu wechseln. Die Schulglocke leitet den Schultag um 7:45 ein, gleich in der ersten Stunde steht heute ein Geografie-Test an, Mascha gähnt auffallend oft, nicht nur, weil sie gestern noch lange gelernt hat, sondern einfach, weil das Thema (Großräume, irgendwas mit Bergen und Landschaften) sie langweilt.

Jeden Wochentag von Null auf Hundert in eineinhalb Stunden, kein Wunder, dass sie am Wochenende meistens bis Mittag schläft.

In der zweiten Stunde folgt Englisch (nette Professorin, geht immer schnell vorbei), dann Pause – heute nur das Brot aus der Jausenbox, nicht der Müsliriegel -, danach Mathematik (Mascha schreibt mit, versteht aber nichts), gefolgt von Deutsch. Die Deutsch-Professorin erzählt etwas von Zeitungsartikeln und den Aufbau von Zeitungsmeldungen, absolut langweilig und teilweise auch einfach falsch, wie Maschas Vater schon bei der letzten Hausübung feststellen musste. Kein Wunder, denn die Deutsch-Professorin interessiert sich mehr für Gucci-Handtaschen als für die Vermittlung von Wissen, wie sie selbst schon zugegeben hat. Masche driftet wieder mal ab, verfolgt das Geschehen in der Klasse erst wieder als ein Klassenbucheintrag angedroht wird, Ben bestand darauf auf die Toilette gehen zu dürfen und hatte dabei einen Kaugummi im Mund, ein Streitgespräch ist im Gange, dass wohl die letzten zehn Minuten der Schulstunde schlucken wird. Tatsächlich, die Schulglocke läutet das Ende der Stunde ein, der Klassenbucheintrag ist passiert oder auch nicht, wie so oft, und die Deutsch-Professorin tätigt erneut den Ausspruch, dass sie die Klasse am liebsten abgeben würde, was allerdings nicht passiert, obwohl es sich alle SchülerInnen wünschen.

Nächste und letzte Stunde: Religion. Die Klassengemeinschaft splittet sich auf in Katholische (dürfen in der Klasse bleiben), Evangelische (müssen in einen Nebenraum wechseln) und dann gibt es noch Ajda, die eigentlich Muslimin ist, aber genauso wie Mascha und Valentin Freistunde hat, weil Ajdas Vater nicht soviel vom Religionsunterricht in der Schule hält. Was Valentin genau ist oder nicht ist, hat Mascha ihn nie gefragt, sie ist auf jeden Fall „OB“, also ohne Bekenntnis, was sowohl als Abkürzung wie auch ausgesprochen seltsam klingt. In letzter Zeit gab es in ihrer Schule eine Diskussion über das Holz-Kreuz in den Klassenräumen, Mascha war es eigentlich egal, aber wenn sie so genau darüber nachdachte, war sie doch der Meinung, dass es eigentlich nicht verpflichtend dort hängen sollte – oder wenn, dann könnte man auch diverse andere Symbole aufhängen. Die Diskussion drehte sich ja eigentlich um etwas Anderes, nämlich ein politisch angestrebtes Kopftuchverbot, dass übrigens Ajda aus Protest – und modischen Gründen – nun manchmal ein Kopftuch tragen lässt, vor allem, wenn es kalt ist.

Nachdem Mascha an Freitagen nach der vierten Stunde offiziell schulfrei hat, beginnt für sie das Wochenende. Wobei sie seit einem halben Jahr nach der Schule noch einen weiteren Pflichttermin für sich gefunden hat: Sie ist eine von dreissig jungen Menschen zwischen 11 und 18, die an Freitagen mit ihren Schildern am Hauptplatz ihrer Stadt stehen und protestieren, gegen den Raubbau an unserem Planeten und dass der Klimawandel ernstgenommen wird. Schulstreik fürs Klima! Streng genommen streikt Mascha nicht, sie hat schließlich schon frei, aber darum geht es ja eigentlich auch nicht. Es geht um Solidarität, es geht um den Willen etwas zu bewegen, es muss sich was ändern. Mascha macht sich wirklich Sorgen, vor allem seit sie ungefähr das Ausmaß der Katastrophe begriffen hat, und dabei ist sie wahrscheinlich nur über einen Bruchteil informiert, was gerade auf der Welt falsch läuft. Dagegen will Mascha was machen und bemüht sich selbst auch die Veränderung zu leben, die sie einfordert. Mascha hat aufgehört, Fleisch zu essen, benutzt prinzipiell keine Strohhalme mehr, kauft keine PET-Flaschen mehr sondern hat jetzt immer ihre Glastrinkflasche dabei, sie versucht soviel wie möglich wiederzuverwerten und fährt jetzt lieber mit dem Fahrrad oder geht zu Fuß als sich von ihrer Mutter mit dem Auto herumfahren zu lassen. Das sind alles Kleinigkeiten, aber irgendwo muss man ja anfangen. Dass sie trotzdem ihre Kleidung in den großen Modeketten kauft, die billigst und massenhaft in Bangladesch unter schlechten Bedingungen hergestellt werden, ihr Smartphone liebt genauso wie Avocados zu jeder Jahreszeit ist problematisch, das ist ihr bewusst, aber gerade deswegen möchte sie auch das noch ändern.

Vielleicht ist sie zu oft auf Instagram, ganz sicher wischt sie sich dort durch eine Timeline, die von künstlichen Hypes durchzogen ist, aber Freitag Mittag steht sie am Hauptplatz mit ihrem selbstgebastelten Schild, für ein besseres Klima auf der Welt, für ihre und unser aller Zukunft.

Und nachdem die Demonstration beendet ist, geht sie mit ihren Freundinnen noch zu Mc Donalds, trinkt einen Orangensaft und isst einen Muffin, ihr ist klar, dass sie damit vermeidbaren Müll produziert und dass sie zurecht dafür kritisiert werden kann, aber auch das Treffen beim „Mäci“ ist für Mascha sowas wie ein Highlight der Woche zwischen Schulstress, Lernen und Hausaufgaben – und außerdem macht sie es immer seltener.

menschen treffend: gerhard

Langsam balanciert Gerhard noch Mineralwasser, Fruchtsaft und zwei Flaschen Schnaps über die Treppen. Der Kühlschrank ist nun gut gefüllt, im Keller, in seinem ganz persönlichen Kellerlokal. Gerhards Reich. Gebaut als Hobbyprojekt, mit Bar und geräumiger Sitzbank. Alles aus Holz, in großer Kleinarbeit eingepasst in den Raum seines Hauses, der vorher nur als Abstellkammer diente. An den Wänden Spruchtafeln, Urkunden und Glückwunschkarten zur Pension. Und natürlich darf auch die Musikanlage mit Bildschirm nicht fehlen, die theoretisch sogar eine Karaokefunktion hat, in den Ecken Discolichter. Nachdem Gerhard in den Ruhestand ging, war dies sein erstes Projekt, damit ihm nicht langweilig wird. Ein paar mal im Jahr ist das nun der Partykeller, bei dem Familie (Geburtstage), Arbeitskollegen und Freunde (alle zwei Monate, außer im Sommer) eingeladen werden. Gerhards Frau bereitet meist etwas zu essen vor, das dann von Gerhard mit großer Geste aufgetischt wird, denn auch das leibliche Wohl darf nicht zu kurz kommen. Mit all diesen Elementen versammelt, ist der Spaß garantiert, für den man in den Keller muss. 

Spätestens nach drei bis vier Bier und zwei Schnäpsen kocht die Stimmung. Die Sprüche werden lockerer, es wird auch getanzt – sofern Frauen anwesend sind. Meist wird bis weit nach Mitternacht gesellig zusammengesessen, die Zeit vergeht besonders schnell, wenn man sich im Keller trifft.  Aber je später der Abend, desto mehr schweigen die Frauen dann allerdings, gelangweilt und ermüdet vom Gebrüll, von all der Erregung, die sich in diesem privaten Kellerlokal irgendwann garantiert entlädt. Wie war man bloß darauf gekommen? Wie landen Abende stets zielgerichtet bei dem Punkt, wo nur noch gesoffen wird und laut argumentiert. Im Kreis, man bewegt sich sitzend im Kreis, in einem Schwindelzustand. Heute ist es wieder soweit. 

Faulheit scheint ein Problem zu sein, oder es ist zumindest ein Reizwort. Darauf kam gerade das Gespräch, danach die angeregte Diskussion, die mittlerweile ein Streitgespräch ist, das der Alkohol auch anständig befeuert. 

Es regt Gerhard zum Beispiel richtig auf, wenn Leute fürs Nichtstun bezahlt werden oder auch nur Geld haben, obwohl sie keine Arbeit haben, also Arbeitslosengeld bekommen oder Sozialhilfe oder Notstandshilfe. Wie „die Ausländer“, die, wenn sie nicht kriminell sind, unseren Sozialstaat ausnutzen. So ganz verständlich ist es nicht und auch nicht schlüssig, was er von sich gibt, viel auch einfach faktisch unrichtig. In Gerhards Kopf wohnt die Paradoxie von faulen Fremden, die gleichzeitig den Einheimischen die Arbeit wegnehmen, für Gerhard kein Widerspruch. Und niemand sagt was dazu. Man muss schon wollen und dann findet sich auch was, ist Gerhardüberzeugt. Wer also Arbeit sucht, bekommt diese auch, da darf man nicht eitel sein, grundsätzlich ist das Meiste annehmbar. Man kann sich schließlich nicht alles aussuchen und „das Leben sei kein Wunschkonzert“. Eine Formulierung, die an Stumpfheit direkt am „Ernst des Lebens“ anschließt. Toni wollte kurz etwas anmerken, denn er hatte sechs Jahre vor seiner regulären Pensionierung seine Arbeit verloren, und hatte sich dann noch als Zeitungsausträger über Wasser gehalten, was erstens ein Scheißjob war und zweitens seiner Gesundheit nicht zuträglich war. Toni lässt es aber. Schließlich ist Gerhard der Gastgeber und behält ohnehin die Meinungsführerschaft. Toni schaut auf die Uhr, auffällig, der Rest der Runde auch, allerdings unauffällig. 

Gerhard ist gerade bei „Leistung muss sich wieder lohnen“ und „Strafe muss sein“. Die Unterhaltung wird bruchstückhafter und zielloser. Gerhard monologisiert, der Redefluss will nicht abreißen. Die Stimmung ist, wieder mal, im Keller. 

Man muss sagen, dass Gerhard einer Definition von Leben folgt, das gar keine andere Beschreibung duldet als „hart“. Und blickt man so auf ein Leben, dann gilt es ein paar Punkte zu beachten: 1. Man muss stets fleißig sein, 2.Man muss gut auf sich selbst schauen und 3. Man muss sich gleichzeitig aber auch den Verhältnissen fügen. Daran hat sich Gerhard zeitlebens gehalten, ein wenig Ellenbogen war nötig, ansonsten lief aber alles wie geschmiert. 

Gerhard wuchs in eher einfachen, ärmlichen Verhältnissen auf, als eines von fünf Kindern. Sein Vater hatte stets hart (da haben wir es) gearbeitet, starb früh, Herzinfarkt. Gerhard machte eine Lehre zum Tischler, wovon sein handwerkliches Geschick herrührt, das ihm auch heute noch zugute kommt, wobei er mit Anfang Zwanzig die Chance ergriff bei einem internationalen Lebensmittelkonzern als eine Art Manager zu arbeiten, was ihm nicht nur ein gutes Einkommen einbrachte, sondern auch die Möglichkeit, regelmäßig beruflich um die Welt zu fliegen. Er konnte also ohne schwere Arbeit, im stabilen Job im gleichen Unternehmen, mit ausreichend Freizeit, ohne Existenzängste seine Pension erreichen, die nun überdurchschnittlich hoch ausfällt. Hart ist mit dieser Biographie nur eines: die pauschalen Urteile, die er über Menschen fällt. Dennoch konnte Gerhard es sich wieder mal nicht verkneifen, seine Karriere nachzuerzählen, die in seiner Beschreibung klingt, wie die Story vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde. Ganz soweit brachte es Gerhard zwar nicht, aber er konnte sich sein Arbeitsleben lang stets viel leisten. Wenn man in die Runde schaut, merkt man, dass alle schon sehr müde sind, nur will niemand als erster aufstehen und sich verabschieden, fürchtend, dass dann über ihn gesprochen würde. 

Und dann geht es aber schnell, denn dann will Gerhard einen Witz machen, um die Stimmung am Ende des Abends nochmal kurz zu heben. Er sagt: „Arbeit macht frei, oder nicht?“ Niemand lacht. Kurze betretene Stille, schnell aufgelöst durch die Frage, ob jemand noch ein Bier will. Das ist der Moment, wo Toni aufsteht, sich für die Einladung bedankt und sich verabschiedet, denn er will lieber kein Bier mehr. Dem schließen sich auch die restlichen Männer der Runde an, ist ja schließlich doch schon spät und sie sind ja nicht mehr die Jüngsten. 

Als alle weg sind, wirkt der Keller leer und kalt. Die Party ist aus. 

Gerhard sitzt nicht das erste mal allein am Tisch, auf dem die Reste des Abends stehen. Nicht das erste Mal steht vor Gerhard noch ein letztes Bier. In seiner Brust spürt Gerhard plötzlich einen stechenden Schmerz. Schon oft hat er sich vorgenommen, sich nicht mehr so aufzuregen. Er versucht den Verlauf des Abends zu rekapitulieren. Sein Kopf tut ihm auch weh. 

Er denkt in letzter Zeit oft daran, dass sein Leben theoretisch jederzeit vorbeisein könnte. Angesichts dessen, sind all die Gespräche des heutigen Abends lächerlich. Und: Ich sollte noch etwas Sinnvolles mit meinem Leben anfangen, denkt er sich. Vielleicht zum Lebensabend noch eine ehrenamtliche Funktion übernehmen, das ging sich schließlich sein ganzes Leben lang nicht aus. Etwas zurückgeben, murmelt er vor sich hin, und betet … auf dass der Schmerz morgen wieder weg ist. Gerhard leert sein Bier, schaltet das Licht in seinem Kellerlokal aus und geht die Stufen vorsichtig nach oben.  Er wird morgen aufräumen.


menschen treffend: beate

Auch das kann Karriere sein, wenn man mit Mitte Dreißig einen einfachen Job hat, wichtige Aufgaben und einen mindestens ebenso großen Verantwortungsbereich. Nachdem das mit der Schule nicht so klappen wollte, hatte Manuel sich lange mit kleinen Jobs über Wasser gehalten, Beschäftigungen, die er sich selber gesucht hatte, weil er wirklich ungern zum Arbeitsamt ging. Im Fitnesscenter hatte er dann Georg kennengelernt, der ihm eine Anstellung als Türsteher vermittelte. Lange Nächte mit viel Red Bull, aber wenig Stress und wenn die halbstarken Besoffenen doch mal auf Konfrontation aus waren, hatte er das relativ schnell dank seiner imposanten Erscheinung und seiner gleichzeitig ruhigen Art im Griff. Man schätzte ihn. Der Club, bei dem er arbeitete, musste leider irgendwann zusperren, warum, war ihm nicht ganz klar, eigentlich war es ihm nach drei Jahren an „der Tür“ aber auch egal, weil er mittlerweile eine Freundin, und mit ihr einen schon fast eineinhalb Jahre alten Sohn hatte. Ohnehin ergab sich sofort ein neues Angebot bei einer Sicherheitsfirma. Der Bedarf an Sicherheit war in den letzten Jahren gestiegen, in gewisser Weise auch bei Manuel. Die Sicherheitsfirma garantierte ihm eingeteilte Dienste, geregelte Arbeitszeiten, Anspruch auf Urlaub und vor allem, dass er nicht mehr nur in der Nacht arbeiten musste. Es war abwechslungsreich. Er bewachte Messen und Vergnügungsparks, Auf- und Abbauarbeiten, Eröffnungen und Ausstellungen, war bei privaten Partys wie auch offiziellen Veranstaltungen im Einsatz. Seine Arbeit dürfte er sehr zufriedenstellend verrichtet habe, denn eines Tages bekam er ein noch viel besseres Angebot. Er musste sich unter einer Telefonnummer melden, die ihm dann eine Adresse nannte, zu der er fahren sollte. Es war eine Villa am See. Seitdem in den letzten Jahren sämtliche wertvollen Seegrundstücke privatisiert wurden und es offensichtlich zum guten Ton von unfassbar reichen Leuten gehörte, sich eine Immobilie in allerbester Lage zu gönnen, gab es einfach auch den Bedarf diese Domizile gut zu schützen. Die Besitzer des beeindruckend weitläufigen Grundstücks am See, auf dem eine imposant große Villa stand, vertrauten ihm offensichtlich, das heißt, ihre Assistentin, denn die Besitzer hatte er bisher noch nicht getroffen. Er bekam den Job und ein Diensthandy, und aber keine neue Uniform, denn legeres, gepflegtes Auftreten reichte. 

Um 20 Uhr sperrt das Einkaufszentrum zu, gegen 20.30 ist Beate meist zuhause. Dann noch eine kleine Abendjause, Abwasch, Wäsche aufhängen, etwas fernsehen bis Beate dann schlafen geht. Sie kann ausschlafen, immerhin, seit die Kinder erwachsen sind, gibt es vormittags eigentlich nur noch Termine bei Ärzten, der Friseurin und in naher Zukunft wird sie vielleicht auch auf ihren Enkel aufpassen. Die Einkaufsfahrten spart sie sich, das Wichtigste bekommt sie im Einkaufszentrum, wo sie im Supermarkt arbeitet, aber daneben noch eine Bäckerei, ein Handyshop, eine Trafik, eine Apotheke, ein Florist, ein Tiergeschäft, eine Modekette, ein Geschenkeladen existiert, im hintersten Teil gibt es einen Discount-Shop, der ein abstruses Durcheinander von Dingen (Hauptsache billig!) anbietet, und im ersten Stock ist ein Fitnessstudio, aber dort war Beate noch nie. 

Beate sitzt an der Kasse, ihre Berufsbeschreibung heißt wohl Kassiererin, ihre Tätigkeit ist das Kassieren. Sie sitzt dort seit Jahren, nein, mittlerweile sind es Jahrzehnte, in denen sie immer etwas zu beobachten hatte. Neue Marken, die eingeführt wurden, und wieder verschwanden. Schwankende Produktverpackungen und Produktgrößen, überhaupt die Überdimensionierung in Multi-Packs und Family-Packs, die Waren in absurde Dimensionen transformieren. Sie bekam mit, wie Fernsehwerbung das Kaufverhalten beeinflusste, und dass mittlerweile nach Produkten gefragt wird, welche die Kunden in Werbespots auf facebook oder youtube oder bei irgendeiner Serie gesehen haben. 

Selten geworden sind Ladendiebe, entweder weil niemand mehr klaut oder besser geklaut wird, es keine Detektive mehr gibt, die dafür angestellt wären, die Kunden im Auge zu behalten um sie rechtzeitig zu stoppen oder sich Verfolgungsjagden zu liefern; wahrscheinlich rechnet sich das einfach nicht mehr, für alle Seiten. 

Von ihrer Kasse aus, blickt sie direkt auf das Schaufenster des Bekleidungsgeschäfts, mit wechselnden Displays und Designs. 

Zeit, an ihrem Arbeitsplatz längere Momente abzuschweifen, hat sie allerdings nicht, der Kundenstrom reißt nie ab. Wenn das Licht an ihrer Kasse aufleuchtet, dauert es nicht mal zehn Sekunden und Bananen, Semmeln, Energy-Drinks und so weiter landen auf dem Förderband. Ein durchgehender Warenstrom.

Es gab eine Zeit, da waren alle Kassen besetzt, das ist schon lange nicht mehr so, mittlerweile sind es höchstens drei. Leere Plätze wohin das Auge blickt. Der Rest bleibt stets unbesetzt, denn jede Kassiererin hat ihren Stammplatz. Früher war der Andrang größer, es gab auch weniger Supermärkte. Früher waren die Wartezeiten kürzer, es gab auch mehr Kassen. Vielleicht stimmt das auch nicht, das ist nur ihre Wahrnehmung, Beate weiß es nicht mehr.  

Heute ist der Stau von gestressten Menschen, die mit ihren Einkäufen im Arm zu genervten Menschen werden, fast normal. Das ständige „Kassa bitte!“ oder „Könnten Sie nicht endlich eine Kassa aufmachen!!!“ hat Beate zu ignorieren gelernt. Nein, können sie nicht, was soll Beate auch tun können. Auch den Sound von laut ausgestellten Ausatmern der Kundinnen und Kunden, (meist Kunden) die wahrscheinlich kommunizieren sollen, dass jemand gereizt ist, versucht Beate zu ignorieren. Früher waren die Menschen weniger forsch, sie hatten auch mehr Zeit. Teilweise kommt es fast zu handgreiflichen Situationen, Aggression liegt in der Luft, wenn die ältere Dame zu lange braucht, um ihr Kleingeld aus ihrer Geldtasche zu kramen, aber auch, wenn die Bankomatkarte wieder mal nicht funktioniert oder der Code vergessen wurde. All das passiert ständig. Normalität im Alltag von Beate, Verzögerungen im Tagesablauf der Kundinnen.

Heute wird zumindest Obst und Gemüse wieder an der kAsse abgewogen. Beate kann sich auch noch an die Zeit erinnern, die mühsame Zeit, an der die Kunden selbst ihre Ware abwogen, als allerdings dann oft das Gewicht oder der Artikel nicht stimmte, nicht stimmen konnte, und bei Nachfrage dann für beide Seiten eine unangenehme Situation entstand, weil man der alten Dame schließlich nicht vorwerfen wollte, dass sie die teureren Bananen eingepackt hat, allerdings die günstigeren auf dem Etikett standen, oder unzählige Male am Tag eine Kundin – ebenso unangenehm -den Bezahlvorgang abbrechen musste, weil sie wieder zurück zur Waage zu laufen hatte, manchmal übernahm das eine Kollegin, für die Kundin auch eine Demütigung. Auf jeden Fall wird jetzt wieder an der Kasse abgewogen. Kontrolle ist besser. Eigentlich ist es Beate auch egal. Es ist kaum verständlich, warum ständige Aufregung produziert wird, nur weil die Kunden, die davor oft gemütlich durch den Supermarkt geschlendert sind und ihre Produkte bedacht ausgewählt haben, an der Kasse dann diesen Stress entwickeln. Freundliche Gesichter, verständnisvolle Gesichter wechseln sich ab mit trüben, nervösen Gestalten, die meist nicht in der Lage sind, zu grüßen. Die auch nichts wissen wollen von aktuellen Angeboten oder dem Bonusclub, der ihren Einkauf um einiges günstiger machen könnte. Oder sie würden das Clubheft gratis bekommen, mit schmackhaften Rezepten, Tipps und Gutscheinen. Beate könnte ihnen auch sagen, wo sie am besten die Rabattsticker anbringen sollten, die sie doch mittels Werbesprospekten in ihrem Postkasten haben mussten. Gar nicht so leicht durchschaubar, da braucht man eine Insiderin wie Beate, die ihr Wissen auch gerne teilt, denn es ist ein komplexes System, denn manche Sticker sind nicht mit gewissen Aktionen kombinierbar und oft würde es sich lohnen, einmal eine andere Marke auszuprobieren. Heute wäre zum Beispiel … da wäre was im Angebot. Selber schuld, denkt sich Beate, die Menschen müssten nur mit mir sprechen. 

Seit ein paar Wochen gibt es in ihrem Supermarkt den Versuch mit Self-Service-Kassen, die Kunden und Kundinnen können, wenn sie unter zehn Artikel haben, selbst den Bezahlvorgang abwickeln, das soll alles ein wenig beschleunigen. Irgendwann wird das ihren Arbeitsplatz ersetzen, bis es soweit sein wird, ist sie allerdings wahrscheinlich schon in Pension. Klappt bislang nicht wirklich, eine Praktikantin steht an den SB-Kassen und kontrolliert den Bezahlvorgang und hilft den Kunden, die auch dort unmotiviert und frustriert wirken. Keine vier Meter weiter sitzt Beate und freut sich Frau Taupe begrüßen zu dürfen. Beate hatte die Pensionistin schon längere Zeit nicht gesehen und sich schon Sorgen um ihre Gesundheit gemacht, aber da steht sie – und kauft das Übliche ein und lustigerweise erstmals einen Smoothie.