menschen treffend: tom

„Hallo, Hallo, Heyho“ spricht Tom beschwingt in die Kamera ( € 1.298,-), die auf einem Stativ (€ 99,-) mit verdrehbaren, krakenartigen Armen ein Ringlicht (€ 68,-), neben einem Mikrofon (€ 298,-) vor seinem Schreibtisch (Vintage, Ikea) befestigt ist. Es ist Zeit wieder ein Video zu machen, Content zu generieren, seinen Followern wieder Material zu liefern. Der Dreh ist noch das Einfachste, schnell gemacht (Eine routinierte Stunde inklusive Einrichtung und Pausen), etwas länger dauert dann der Schnitt, der schon sehr exakt sein muss, Signation hinzufügen, rausrendern, hochladen und dann die Verlinkung der Sponsoren und natürlich die Beschreibung copypasten, die er schon vorbereitet hat. Letzlich vergehen damit Stunden, regelmäßig, also alle paar Tage, denn schließlich muss er irgendwie ständig was abliefern. Das ist schon auch ein Druck, Teaser posten, damit die Leute dranbleiben, zwischendurch seine Timeline durchscrollen, zurückkommentieren, Kommentare liken. Das geht auch zwischendurch, neben dem Frühstück, beim Warten in Wartezimmern, ständig. Wenn Tom wartet, dann hat er sein Handy in der Hand und arbeitet eigentlich, während andere nur anstehen oder ein Game zum Zeitvertreib spielen. 
In guten Monaten sind es um die 900 Euro, die er mit dieser Arbeit verdient, es gab auch schon Monate in denen es mehr und welche in denen es weniger waren. Läuft stabil, würde Tom sagen, sagt er auch, wenn man ihn fragt, und „Heyho, was geht?!“
Zum liken, zum herzen, zum kommentieren, zum reposten – dafür macht Tom seinen Content. Und sein Content ist Technik, also die neuestes Technik am Markt, die er vor der Kamera auspackt, in die Kamera hält und dann ausführlich reviewed. Damit geht er auch seiner Leidenschaft nach, denn seit er denken kann, ist er fasziniert von technischen Geräten, umso mehr, seit die Entwicklungen immer schneller und beeindruckender vor sich gehen.
Ja, damit kann man Geld verdienen. Regelmäßig bekommt Tom verwunderte Reaktionen, wenn er preisgibt, wie er sein Leben bezahlt – beziehungsweise all die Dinge, die er sich leistet. Aber es gibt weitaus abstrusere Inhalte, mit denen man sein Einkommen bestreiten kann. Menschen leben davon Sachen zu verkaufen, die es gar nicht gibt. Man stelle sich mal vor, man würde als Wunderheiler oder Pfarrer seinen Lebensunterhalt bestreiten. Leute verarschen und dafür auch noch ein asketisches Leben in Kauf nehmen, das wär nichts für Tom. Dann doch lieber diese ganze Technik, die zumindest für eine gewisse Zeit up to date ist, mitverkaufen, Spielzeuge, die, wenn auch nicht immer ausgereift, doch irgendwie geil sind. 
Sieht von außen nicht wie Arbeit aus, aber letztlich ist es harte Arbeit, unter dem ständigen Druck seine Follower zu halten, die Klickzahlen zu halten, weiter von den Unternehmen wahrgenommen, als Tester in Programme aufgenommen und als Influencer ernstgenommen zu werden. Dahin hat er sich hochgearbeitet. Tom kann sich noch an die Zeit vor zwei Jahren erinnern, als er sich ständig die neuesten Smartphones gekauft und sich zeitweise auch verschuldet hat, aber gleichzeitig auch seinen Account auf youtube eröffnet hat, der nach einem Jahr so erfolgreich war, dass die Firmen auf ihn zukamen und ihm das ganze Spielzeug gratis geschickt haben. Ja, es ist verrückt. In seiner Wohnung stapeln sich Verpackungen und Technik, die eigentlich noch gar nicht alt ist, aber zu den neuesten Entwicklungen mittlerweile ganz schön alt aussieht. Manches muss er auch zurückschicken, anderes verkauft er auch. 
Aber wenn Tom auf diese dutzenden ansprechenden Schachteln schaut und die Post schon wieder neue Sachen bringt, dann gibt es den Moment, wo er auch eine Langeweile spürt, wo die Innovationen nicht mehr so großartig scheinen und er erschlagen oder gesättigt von dem ganzen Zeugs ist.  
Aber es macht natürlich schon auch Spaß und ist abwechslungsreich, also es könnte schlimmer sein, sagt Tom sich, denn so fühlt es sich für Tom auch an, etwas stressig, viel Druck, aber dann auch ganz viel fun und Freiheit. Das wollte Tom so oder so ähnlich immer schon haben, einen vierzig Stunden Job in engen Grenzen und exakten Dienstzeiten war für ihn nie vorstellbar. Tom kann sich also nicht beklagen, will er auch nicht. Alles gut, alles chillig. 
Und Tom bringt vor der Kamera natürlich immer das nötige Maß an Begeisterung auf, die alles weltbewegend erscheinen lässt. My reaction, sagt Tom am Ende, muss Tom sagen, denn das ist seine USP, und dann zeigt Tom den Daumen nach oben oder unten. Und darauf warten seine Follower, weil sie seine Meinung schätzen oder seine als eine von vielen schätzen. Und was er noch sagen muss, ist: „Aber zuerst mal einen großen Dank an den Sponsor dieser Folge. Non-toxic, nachhaltig und very reliable. Besser könnt ihr euer Phone nicht schützen.“ Das bringt ihm pro Wort ungefähr € 10,- und dafür, dass er auch immer wieder neue Clips macht, in denen er die Smartphone-Hülle von ****** in die Kamera hält, gibt es nochmal  € 150,- extra. „Und bevor wir uns jetzt ansehen, ob sich dieses Upgrade lohnt, lasst mir doch ein like da und abonniert meinen Kanal.“ Das Upgrade lohnt sich eigentlich immer, noch nie hat Tom irgendein Produkt, dass er in die Kamera gehalten hat, in schlechtem Licht präsentiert, also zuviel Negatives darüber gesagt, stets wirkte er gehypt. Nur einmal gab es ein Smartphone mit zwei Displays aber völlig veralteter Software und schlechten Kameras, das auch noch völlig überteuert war, das hat er dann allerdings schlichtweg nicht rezensiert und wieder zurück an den Hersteller bzw die Agentur geschickt, von der er bestückt wurde.  
Alles auf seinem Channel ist irgendwie ein Erfolg und super, muss es sein. Doch nichts von dem, was er in die Kamera hält, ist sein Produkt. Er ist das Produkt und er verkauft vor allem sich selbst. Als Marke. Und deren Kurs steigt noch immer, vielleicht kann er bald schon noch besser davon leben. 
Dass dies nicht ewig so weitergehen kann, ist auch Tom bewusst. Er hat sich fest vorgenommen, ab nächstem Jahr nun aber wirklich mit seinem Studium weiterzumachen. Nur im Moment fehlt ihm einfach die Zeit, es gilt doch immer was zu tun und als One-Man-Show kann er sich gerade auch nichts freischaufeln, nicht mal seine Freunde sieht er regelmäßig. Dafür wird er schon erkannt, trifft schon Fans auf der Straße, oder zumindest Leute, die ihn kennen und ansprechen. Meist bitten sie um ein Selfie und eine Verlinkung auf ihren Channel, die Meisten sind mittlerweile selbst Influencer. 

menschen treffend: sabine

Da war durchaus Stolz – und Entschlossenheit – als Sabine in die Partei eintrat, nachdem sie die Partei irgendwie immer schon am sympathischsten fand und die kommunizierten Ziele der Partei erstens zeitgemäß und zweitens sehr integer. Heute vermeidet sie zu erwähnen, dass sie tatsächlich Parteimitglied ist – Sabine weiß selber nicht, wie lange noch.

Während sie gerade für eine der Verantwortlichen in der Partei klatscht und lächelt, denkt sie innerlich eher daran, jetzt gleich die Bühne zu stürmen und zu schreien, dass ihre Partei, seit sie in der Regierung ist, nichts Anderes gemacht hat, als Schritt für Schritt so ziemlich all ihre Ideale zu verraten. Sie schaut sich um, wahrscheinlich geht es anderen gerade ähnlich, die nur sehr unmotiviert in ihre Hände klatschen oder irgendwas in ihr Handy tippen. Warum springt niemand auf? Manche quatschen mit ihren SitznachbarInnen, andere schauen gelangweilt als die nächste Rednerin zum Pult geht. Sogar Leute, die auf der Seite am Podium sitzen, wirken desillusioniert und antriebslos und in manchen Momenten abgestoßen, von der Partei oder auch von sich. Das nennt man dann wohl Realpolitik, worin alle in diesem Raum angekommen sind. 

Letztlich läuft es in Sabines Partei gleich wie in allen Parteien. Klare Strukturen, vielleicht mit Verantwortlichen, die etwas öfters nachfragen, ob alles okay ist, aber dann auch so entscheiden, wie sie es für richtig empfinden. Und dann gibt es Parteitage, die vielleicht tatsächlich anders laufen, wie bei anderen Parteien, aber auch dort wird die Euphorie geschürt und auf einen Kurs eingeschworen, sodass man letztlich etwas hirngewaschen für die Parteilinie stimmt. Parteilinie ist immer, was der Partei nützt, also in Verantwortung zu sein, egal ob im Gemeinderat, Landesregierungen oder im Parlament, weiters: im Parlament zu bleiben, vielleicht sogar in der Regierung. Also geht es um Macht und Machterhalt, Ausbau der Macht und so der Möglichkeiten. Und das ist eben ein zweischneidiges Schwert, ein äußerst scharfes. Denn natürlich muss man in Verantwortung sein, um tatsächlich etwas zu verändern und das geht demokratisch eben nur, wenn man auch tatsächlich politische Macht und so Handlungsspielraum hat, aber es geht eben auch nur mit Kompromissen und als in Relation eher kleine Partei mit überschaubarer Wahrscheinlichkeit, dass sich dies in diesem Land jemals ändern wird, muss man eben große Kompromisse eingehen und vieles mittragen, was eigentlich untragbar ist. 

Man muss Zugeständnisse machen, diesen Satz kann Sabine nicht mehr hören, es gehe hier nunmal um etwas Größeres und wenn das nicht wir machen, steht sofort eine andere Partei parat, die noch viel mehr, die noch unredlicher, die sicher nicht so korrekt wären. 

Sabine denkt daran, dass die letzte Vorsitzende zu einem Glücksspielkonzern gewechselt ist, bevor dieser in den letzten Jahren im Mittelpunkt eines Korruptionsskandals stand. Das war entweder ein großer ausgestreckter Mittelfinger der Vorsitzenden ihrer Partei gegenüber, der noch deutlicher nur gewesen wäre, wenn sie bei einem Ölkonzern angeheuert hätte, oder es war schlichtweg eine opportunity, die sich im Laufe ihrer politischen Laufgang zufällig ergab, obwohl die Partei damals noch in Opposition war. Tja, wer weiß, vieles bekommt man an der Basis einfach nicht so mit. Aber man bekommt mit, dass man jetzt nicht nur von WählerInnen der anderen Parteien schief angeschaut und beschimpft wird, sondern durchaus auch von den bisherigen oder potentiellen WählerInnen der eigenen Partei. Die Stimmungslage, würde Sabine mal ganz basic feststellen, ist beschissen, wenn sie sich umsieht, wenn sie sich umhört. Das könnte bei der nächsten Wahl wieder einige Stimmen kosten. Eine der prominenteren Parteimitglieder hat erst letzte Woche ihre Mitgliedschaft – aus Gründen – zurückgelegt, andere äußern sich lautstark kritisch, gerne auch medial. 

Obwohl Sabine fest an die Zukunft ihrer Partei glaubt, weil sie wohl die einzige ist, die sich ernsthaft dem Umwelt- und Klima- und Tierschutz widmet, dazu noch den Menschen- und Frauenrechten und der Gleichberechtigung gesamtgesellschaftlich, also Themen, die nicht nur in der Gegenwart sondern auch für die Zukunft wichtig sind, gibt es nunmal auch bei ihr die Zweifel, wie man das alles so im System umsetzen soll. Oftmals musste die Partei in Regierungsverantwortung nun schon für Tierleid, gegen Gleichberechtigung, gegen Umweltschutz und vor allem gegen einen humanen Umgang mit Schutzsuchenden mitverantwortlich entscheiden. 

Die durchaus erfolgreichen Anfänge hatte ihre Partei ja außerhalb des Systems. Die Partei-SeniorInnen von heute waren teilweise mal engagierte DemonstrantInnen, die durchaus auch eine gewisse Radikalität ausstrahlten – dann wurden sie bürgerlich und waren nur noch daran zu erkennen, dass sie oft mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fuhren, dass sie sich am Wochenende gerne in Trommelseminare verirrten, außergewöhnliches Getreide verkochten, dass sie natürlich Bio einkauften, bevor es trendy war. Das ist etwas polemisch, wie Sabine weiß, aber im wahren Kern noch so ein Ding, dass Sabine mittlerweile auf die Nerven geht, denn wer kann es sich – scheiße nochmal! – leisten, seine ganze Ernährung biologisch und fair getradet und sein Leben generell nachhaltig zu gestalten. Sabine nicht, noch nicht, und das macht ihr natürlich auch ein wirklich schlechtes Gewissen. Was sie nicht haben müsste, weil niemand außer ihr selbst ihr ein schlechtes Gewissen macht, aber weil sie in der Partei ist, hat sie es nunmal doch, weil sie in dieser speziellen Partei ist und … wahrscheinlich gibt es gar keine Lösung dafür. 

Sabine hat sich dabei erwischt, wie sie einfach Karton und Pet-Flaschen in den Hausmüll geworfen hat, als eine Form des Protests (gegen einen überkorrekten Lebensstil), allerdings einer, den niemand mitbekommt. Zugegeben plagte Sabine sofort, genau, das schlechte Gewissen und sie hat natürlich alles wieder aus dem Restmüll rausgefischt und in die korrekten Säcke und Tonnen gegeben. 

Scheiß Partei!, denkt sich Sabine, Scheiß Partei wie jede Partei! Was aber so auch nicht stimmt, wenn sie sich erlaubt, unemotional darüber nachzudenken. Und dann grübelt Sabine vor sich hin, dass sie vor dem gleichen beschissenen Problem in der Partei steht, vor dem die Partei in der Regierung steht. Lässt man die Regierungskoalition fallen, lässt man damit auch sämtliches Mitbestimmungsrecht und die Chance zur Veränderung fallen. Es ändert sich letztlich an der gesellschaftlichen Gesamtsituation nichts, irgendwie geht es weiter, wahrscheinlich noch schlechter, denn selbst den kleinsten Einfluss hätte man verwirkt. Dann hilft wirklich nur noch protestieren…. geringfügig. Steigt Sabine nun aus der Partei aus, ändert das auch nichts, es geht weiter, nur Sabine hätte die Chance verwirkt (zumindest im kleinen) etwas zu einer, in ihren Augen, guten Veränderung beizutragen. Scheiß Dilemma. Scheiß Politik.


menschen treffend: alfred

Seine tägliche Routine läuft immer gleich ab: Erster Weckton gegen 7 Uhr, zweiter Weckton um 7:15, was der späteste Zeitpunkt ist, an dem das Bett verlassen sein muss, Hose anziehen -> Zeitung holen -> Kaffee kochen. Bis längstens 8 Uhr sitzt Alfred dann am Frühstückstisch, liest die Zeitung und trinkt seinen Kaffee, isst vielleicht noch ein Stück Kuchen oder Brot, je nachdem, was gerade da ist, damit er irgendwas im Magen hat. Danach wird der Tisch abgeräumt und abgewischt. Nach dem Zähneputzen wird nun aus dem Küchentisch ein Arbeitstisch, mit Laptop, Stiften und Zettel. Und dann schreibt Alfred bis mindestens 13 Uhr, manchmal auch länger, wenn auch nicht durchgehend, denn ein bis zwei Kaffee, Blicke aus dem Fenster und kurze Gänge, um sich zwischendurch etwas zu bewegen, sind erlaubt. 

Routine ist wichtig, sie und strenge Regeln sowie Verbote (Keine Telefonate! Keine Emails! Kein Essen!) helfen konzentriert zu bleiben. 

Alfred kennt unzählige Autoren, die sich gleich nach ihrem ersten Erfolg zu sehr von der Arbeit ablenken ließen, die mehr mit Restaurant-Besuchen und Einladungen bei Gönnern als mit ihrem Werk beschäftigt waren. Schein-Autoren nannte er sie, sie performten ihr Schreiben nur mehr, weil sie eigentlich von dem, was andere in sie und ihre Aura reinlasen und wenigen tatsächlichen Lesungen im Jahr lebten. Autoren-Darsteller, die immer exzentrischer wurden, sonst aber keinerlei Entwicklung zeigten, die letztlich biederen Anbiederer. 

Wobei das Phänomen, nur noch in der Oberfläche zu glänzen und damit die darunter fehlende Substanz zu verschleiern, nicht auf KünstlerInnen beschränkt ist, sondern generell schon die längste Zeit um sich gegriffen, die Kompetenz gleichzeitig abgenommen hat. So gibt es Ärzte-Darsteller wie es auch Handwerker-Darsteller gibt, die ihren eigenen Sinn auch nicht mehr in ihrer Arbeit sondern vielmehr der Simulation von Arbeit finden, so geht das quer durch die Gesellschaft und selbst der Kanzler ist nicht viel mehr als ein Kanzler-Darsteller. 

Um 9:20 hat Alfred immer noch keinen einzigen Satz geschrieben, war kurz abgeschweift und in Gedanken, den immer wieder gleichen, aber stets falschen, weil unproduktiven, den aufregenden, aber nicht im positiven Sinne, hängengeblieben. Wieder mal ein Artikel über einen politischen Skandal, der allerdings erst in einigen Jahren als Verbrechen gesehen wird, spukt in ihm herum. Letztlich ist man in einer Denkspirale gefangen, in der man ständig über das Gleiche in Variation nachdenkt, denkt Alfred, und es macht ihn unruhig. 

Und Alfred weiß, dass es nichts bringt, sich für das Falsche zu erregen, dem nachzuhängen, was nicht zu ändern ist, das sich nie ändern wird. Das ist nicht pessimistisch sondern viel zu realistisch gedacht, denkt Alfred, auf seine Notizen starrend, mit denen er im Moment nichts anfangen kann. Andererseits kann Alfred es eben nicht lassen und findet das gleichermaßen gut wie auch schlecht, lähmend und unnötig aber eben auch wichtig. Es sind immer die gleichen Themenkreise: Ungerechtigkeiten, Politik und Menschen, die sich wie Arschlöcher verhalten. Das steht alles in der Zeitung, aber bevor es in der Zeitung steht, ist es noch viel schlimmer. Und es ist schlimm, dass vieles extra für die Zeitung gemacht wird. Das, was als echt wahrgenommen wird, ist eigentlich völlig unecht geworden. Wir leben in einer Inszenierung. Das, was real sein sollte, ist nur eine Simulation, ist künstlich und weil alles schon so künstlich ist, kommt die Kunst wiederum nicht nach, bemüht sich aber darum und wird zur schlechten Kunst oder nicht mal das. Diese vielen durchschnittlichen Kunstversuche rühren daher, dieser Haufen überbewertete Kunstwerke. Man hat sich einreden lassen, dass das Radikale zu vermeiden sei, was vielleicht im Alltag stimmen mag, aber doch nicht in der Kunst! Totale Radikalität ist doch die Voraussetzung um Neues zu schaffen. 

Und darin liegt der Fehler, weiß Alfred, und er weiß auch, dass die Kunst von der Realität nichts zu lernen hat. Wobei darin schon die Unschärfe liegt, denn was ist überhaupt Realität, was ist Echtheit, was Authentizität?  Worin liegt die Kunst und in welchem Verhältnis zu all dem, das nicht Kunst ist? Ein Jammer, das Alfred das Vokabular fehlt. 

Ich habe mich viel zu lange in der Realität aufgehalten, mich aufhalten lassen, denkt Alfred, dabei habe ich keinen Bezug zu ihr, oder wenn dann nur einen der absoluten Ablehnung.  Man blockiert sich und sein Denken damit. Man arbeitet sich an etwas ab, das falsch ist, und  letztlich keinen Wert hat. Stimmt das so? 11:36 denkt Alfred „Abkoppeln“, völlig loslösen, von den Kontexten, nur noch in den und durch die eigenen Texten leben. „Abstoßen“, „Vermeiden“ notiert Alfred, und „Wo warst du gestern und wo wirst du morgen sein? – Nicht von dieser Welt.“ 

Und nach dieser Notiz beginnt Alfred zu schreiben an, bis exakt 13:03, ohne eine Sekunde an etwas Anderes als an Sprache zu denken, es entsteht ein unfertiger Text, den es noch zu überarbeiten gilt, am nächsten Tag und den Tagen danach, um etwas näher zu kommen, von dem Alfred noch nicht so genau weiß, was es ist. Es sind immerhin 5.210 Zeichen, mit denen er beschließt, ab morgen nur noch auf die Kunst zu hören. 


menschen treffend: maren

Dass die Mutter ihr Kind von Maren wegzieht, gerade als sich Maren ihrer neuen Freundin vorstellen will, tut ihr weh. Sie steht reglos da und schaut ratlos. Ganz fest am Arm hält die Mutter ihr Kind gepackt und schleppt es weg, das Kind schaut nochmal kurz zu Maren, dann verlässt die Mutter mit ihrem Kind den Spielplatz. Maren weiß nun nicht mal, wie das Mädchen mit den blonden Haaren und dem Eiskönigin-Shirt heißt. Sie hätte sicher mit Maren gespielt. 

Solche Reaktionen kennt Maren, es ist nicht das erste Mal, dass Eltern ihre Kinder von ihr wegziehen als ob sie ihnen etwas tun würde oder eine schlimme ansteckende Krankheit hätte. Es sind immer die Erwachsenen, die irgendein Problem mit Maren haben, dabei ist sie erst 10 Jahre alt. Die Erwachsenen wirken abweisend und irritiert, wenn sie auf Maren treffen und Maren merkt, wie sie angestarrt wird. Vielleicht haben sie auch wirklich Angst vor ihr. Andere sind auch sehr neugierig und fragen Maren übermäßig aus, greifen ihr auf den Kopf, schauen sie und ihre Mama mitleidig an, das ist Maren auch nicht viel lieber. 

Maren geht noch in die Volksschule, vierte Klasse und es ist eine sogenannte inklusive Klasse, das heißt, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam den Unterricht besuchen. Behinderung ist ein weiter Begriff: Raphael zum Beispiel kann mit seinen 10 Jahren immer noch nicht sehr gut lesen, außerdem quatscht er ständig während des Unterrichts und lacht ohne Grund laut auf, dafür ist er im Turnen, wenn Fußball gespielt wird, immer ganz vorne mit dabei und kann wirklich schnell laufen, auch wenn er den Ball nicht immer trifft, und Philip redet im Gegensatz zu Raphael so gut wie gar nicht, er sitzt meistens still da und knetet auf seinem Stofftuch herum, das er ständig bei sich trägt, und Manuel ist oft laut und grob, auch zu sich. 

Maren mag ihre Klasse und sie freut sich jeden Tag darauf in die Schule zu gehen, auch wenn sie auch viele Schwächen hat, wie sie selber weiß, besonders Rechnen fällt ihr schwer. Aber Maren singt gerne und es gibt ein Morgenritual in ihrer Klassen, da singen dann alle gemeinsam ein Begrüßungslied. 

Maren würde irgendwann gerne auch Lehrerin werden, weiß aber schon, dass das für sie schwierig wird, denn eine Lehrerin muss wirklich alles wissen und können, wie Marens Mama ihr erklärt hat, und Maren traut sich zwar viel zu, aber das klingt dann doch zuviel. Ihre Mama hat ihr versprochen, dass sie über Alternativen nachdenken, was Maren noch alles werden kann, welchen richtigen Beruf sie haben kann, denn für Maren ist eine Horrorvorstellung irgendwann mal in einer Werkstätte zu landen. 

Man muss wissen, auch Maren ist behindert, auch wenn sich Maren nicht behindert fühlt, denn sie kann so gut wie alles machen, aber irgendwas ist in ihrem Körper anders als bei anderen Menschen. Maren weiß, dass sie mehr Chromosome als andere hat, sie weiß nicht, was das ist, sie kann es noch nicht mal aussprechen, aber so ein Chromosom stellt sie sich wie eine weiße Kugel vor, mit einer weichen Schale. Maren ist anders, aber Maren findet, an ihr ist nichts auszusetzen. Maren kennt sich auch nur so. Wenn sie in den Spiegel schaut, sieht sie Maren, sich, sieht sich, wie sie sich immer schon gesehen hat: Gekämmte Haare, zum Pferdeschwanz gebunden, große Augen und sie lächelt sich an und Maren im Spiegel lächelt zurück, an den Händen trägt sie Nagellack und an den Füßen gerne rosa Schuhe. 

Maren malt gern, Prinzessinnen zum Beispiel, aber auch Autos, kein Widerspruch für Maren, denn die Prinzessinnen müssen schließlich irgendwohin fahren, wie sie sagt. Maren blättert gerne Comic-Bücher oder die Zeitung durch, aus der sie dann manchmal was ausschneidet. Maren sortiert das Obst in der Obstschüssel um, damit die Äpfel keine Druckstellen bekommen, auch das macht sie gerne. Maren hilft beim Backen, beim Abtrocknen, beim Wegräumen, hilft ihrer Familie.  In Momenten ist sie so glücklich, dass ihre Mama sie noch nicht weggeschickt hat, dass Maren sie ganz plötzlich umarmen und fest drücken muss. Es gibt Eltern, die denken, dass sie mit einem Kind wie Maren gestraft sind, das muss Maren nicht wissen, aber sie weiß es. Maren weiß auch, dass während einer Schwangerschaft ein Teil der Untersuchungen nur dazu dienen, zu verhindern, dass mehr Menschen geboren werden, die so wie sie sind. Das ist Maren unverständlich, aber sie versteht schon sehr gut, was da vorgeht. Man will kein Kind, das nicht normal ist, das so wie Maren ist. Papa sagt: Niemand ist normal und wer es doch ist, muss verrückt sein. Grundsätzlich werden Menschen nicht gemocht, die nicht so sind, wie alle anderen, die nicht in diese Welt passen, in der es um Leistung geht, die dem ganzen Druck nicht standhalten können oder wollen. Für Maren ist vieles schwieriger als für andere und gerade wenn man etwas tun muss, bedeutet das für Maren starken Stress.

Das Gefühl, dass sie ständig helfen muss, bekommt sie aber nicht weg. Sie macht sich nützlich, wo sie kann, als ob ihr nur das eine Berechtigung gäbe, zu existieren. Als ob ein Mensch nicht auch einfach nur zum leben geboren wäre. 


menschen treffend: anna

Ob sie die Polizei verständigen soll, fragt Lea ihre Freundin Anna. Sie kennt diese Abende, wenn Anna mit ihren zwei Kindern plötzlich vor Leas Tür steht und Sturm läutet, aber so panisch hat sie Anna noch nie gesehen. Anna zittert am ganzen Körper, versucht ihre Kinder anzulächeln, aber es will ihr nicht gelingen. Lea setzt die drei auf das Sofa, schaltet den Fernseher ein und macht einen Tee. Anna versucht ihre Tränen zu verbergen, aber es gelingt ihr nicht ohne Schluchzen, sie schnappt immer wieder nach Luft. Erst nach einer halben Stunde beruhigt sie sich, lässt sich von Lea und dem warmen Tee beruhigen. Anna kennt das schon, man würde nicht formulieren, dass sie es schon gewohnt ist, aber irgendwie ist es doch so. Die Schreie, die Schläge, die Gegenstände, die durch die Gegend fliegen und die Blicke ihrer verängstigten Kinder, wenn Christoph, ihr Mann, wieder mal ausrastet. Die Gründe dafür waren vielfältig, es musste nicht mal Alkohol im Spiel sein, es reichte, dass Anna sich nicht sofort meldete, wenn Christoph sie anrief, er nicht wusste, wo Anna ist. Oder er wieder mal das Gefühl nicht loswurde,  Anna würde ihn betrügen, was schon allein deswegen völlig unbegründet war, weil sie ja ohnehin niemand treffen durfte, zumindest keinen Mann. Lea hat wiederholt mitbekommen, wie Christoph anrief,  um zu überprüfen, ob Anna tatsächlich bei ihr sei. Schon wenn Anna ehemalige Kollegen auf der Straße traf, wurde Christoph misstrauisch, deswegen erzählte sie auch nicht mehr von solchen Begegnungen. Wobei Anna sich mit dem Leiter der Kindergartengruppe, in die ihr Sohn Jonas geht, in den letzten Wochen öfters zusammengesetzt hat, weil er sich Sorgen um Jonas machte, weil dieser sich wiederholt in die Hose gemacht hatte. Aber auch davon hat Anna nicht erzählt, weder das mit Jonas und auch nicht, dass da dieser Kindergartengruppen-Leiter ist, der ihr ein gutes Gefühl gibt.

Das konnte Christoph also nicht wissen, oder doch? Auf jeden Fall ging es heute wieder um Eifersucht, aber Christoph hatte nichts konkret angesprochen, der Streit und die folgenden Auszucker wurden vielleicht einfach nur dadurch ausgelöst, dass Anna sagte, er solle sie in Ruhe lassen. Aber so genau weiß sie es nicht mehr, es ging so schnell. Und heute war es anders, anders als sonst, denn Christoph hatte die alarmierenden Worte in den Mund genommen, er würde sie umbringen, alle. Sowas hatte Christoph bisher nie formuliert, Anna wusste nach einiger Zeit beruhigt er sich wieder und entschuldigte sich sogar, aber sie wusste nicht, wo das alles herkam und wie sie nach so einem Ausspruch jemals wieder ruhig einschlafen sollte. Das war der Moment, wo Anna sich mit den Kindern im Kinderzimmer einsperrte und tatsächlich erstmals die Polizei anrief, weil sie einfach Panik hatte. Als die Polizei eintraf, war Christoph bereits verschwunden, Anna hatte keine Ahnung wohin. Anna hatte ihre Sachen gepackt, ein bisschen Spielzeug und Gewand für die Kinder – und die Zahnbürsten, sie ist sogar nochmal zurückgelaufen, um die Zahnbürsten zu holen – und dann fuhr sie mit dem Taxi zu Lea, auch wenn die Polizei sie auch dorthin gebracht hätte, aber Anna war es eigentlich schon wieder peinlich, dass sie die Polizei angerufen hatte, letztlich erstattete sie nicht mal Anzeige. 

Natürlich könnte Christoph jetzt jederzeit vor Leas Haustür auftauchen, er wusste ja, wo sie wohnt, aber gegen Leas einbruchsichere Tür würde er nicht ankommen und im schlimmsten Fall, würde Lea direkt wieder die Polizei rufen. 

Sie kann nicht mehr zurück, das ist Anna klar, jeglichen Zweifel daran, hat Lea ihr schon ausgeredet. Anna glaubt natürlich nicht daran, dass Christoph es ernst meinte. Er würde sie doch nie umbringen, schon gar nicht die Kinder. Oder doch? Vielleicht schon. 

Gerade letzte Woche wurden wieder zwei Frauen von ihren Männern ermordet. In letzter Zeit gab es eine regelrechte Häufung solcher Fälle, wo Frauen erstochen, erschossen, erwürgt oder erstickt wurden. In diesem Jahr gab es schon viele Frauen, die zu Opfern gemacht wurden oder – so hart es klingt – zu Leichen. Anna hatte das auch in den Zeitungen mitverfolgt, jeden Monat, dann jede Woche eine neue Tat. Als ob Femizide ansteckend wären oder sich die Männer aneinander ein Beispiel nehmen. In den Nachrichten war von Beziehungstaten die Rede, als ob Gewalt oder Mord selbstverständlicher Teil einer Beziehung wäre. Anna kann nicht leugnen, dass sie auch an ihre Situation mit Christian gedacht hatte. Will man mit so jemanden zusammenleben, mit jemanden vor dem man Angst hat, mit jemanden bei dem es zumindest den Zweifel gibt, ob er nicht auch mal den unumkehrbaren Schritt zu weit gehen könnte. Seit Monaten wenn nicht sogar seit Jahren hatte Lea auf Anna eingeredet, sich zu trennen, Anna hatte es nie geschafft, aber nun gibt es kein Zurück mehr. Sie hebt nicht ab, als Christoph dann anruft, kurze Zeit später kommt eine SMS, dass es ihm leidtue, dass er es nicht so gemeint hätte, dass er sie liebe. Anna antwortet nicht. Es kommt eine SMS mit Herzen, Anna antwortet wieder nicht, auch wenn es ihr schwerfällt. Fünf Minuten später kommt ein SMS, dass er sich umbringen werde und zehn Minuten später, dass sie eine dumme, wertlose Sau sei und Christoph sowieso auf sie spucke. Die letzten beiden SMS liest Anna nicht mehr, Lea löscht sie gleich. Anna sitzt zu diesem Zeitpunkt schon wieder bei den Kindern am Sofa und versucht erneut ihre Tränen nicht zu zeigen und nicht nachzudenken, wie es weitergehen könnte. 

Es ist unbegreiflich, warum es immer wieder zu solchen oder ähnlichen Fällen kommt. Es ist befremdlich, dass Frauen immer noch besonderen Schutz bedürfen, dass es Institutionen wie Frauenhäuser geben muss, dass Selbstverteidigungskurse explizit für Mädchen angeboten werden, damit sie sich wehren können, dass Frauen gewisse Verhaltensregeln nähergelegt werden, damit sie nicht zu Opfern werden. Das wird Frauen beigebracht.

Und es ist tatsächlich so, dass Kurse für Männer angeboten werden, in denen diese lernen sollen, mit ihrer Wut, ihrer Aggression umzugehen, anders umzugehen als anderen oder sich zu schaden. Sie müssen es in Kursen lernen, weil es ihnen davor nie beigebracht wurde.